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Meine Stadt Atomakte Hannover - Plan GAU im Kalten Krieg
Hannover Meine Stadt Atomakte Hannover - Plan GAU im Kalten Krieg
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00:16 28.01.2015
Die Karte zeigt die Zerstörungen im Falle eines Atombombenangriffs auf das Stadtzentrum (Kröpcke) von Hannover.
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Hannover

Die Autoren der Studie sparen nicht mit Kritik. „Vom Luftschutzstandpunkt geradezu sinnlos“ seien die lebenswichtigen Einrichtungen Hannovers untergebracht worden. „Eine einzige auf die Stadtmitte angesetzte Bombe würde genügen, um neben vielen anderen die Spitzen des Landes Niedersachsen, des Regierungsbezirkes, des Landkreises sowie der Stadt Hannover restlos auszulöschen“, schreiben Alfred Müller und Herbert Dix, Ingenieure an der Technischen Hochschule Hannover, in ihrer „Städtebaulichen Luftschutzuntersuchung“ von 1957, die sich mit den Folgen des Abwurfs einer Atombombe der einhundertfachen Wirkung der Hiroshima-Bombe für Hannover beschäftigt.

Als idealen Zielpunkt, der maximale Zerstörung nach sich ziehen würde, haben sie die Bahnhofstraße ausgemacht. Für einen Radius von 1,5 Kilometern um diesen Punkt gehen die Wissenschaftler von einer vollständigen Zerstörung aus, noch bis zu einem Radius von 3,2 Kilometern hätte es schwerste Zerstörungen mit einsturzgefährdeten Häusern gegeben.

320 000 von damals 530 000 Einwohnern hätten ihre Wohnung innerhalb dieser beiden besonders schwer getroffenen Kreise gehabt. Zudem wären 75 Prozent der Krankenhausbetten betroffen gewesen. Die tatsächlichen Auswirkungen wären aber wohl viel schlimmer gewesen. Oliver Bange, Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, kritisiert, dass zum Beispiel die Folgen der atomaren Strahlung in der Studie gar nicht berücksichtigt wurden.

Es war ein Horrorszenario, auf das sich die Stadt Hannover vorbereiten musste. Erste Anstrengungen zu einem Wiederaufbau des Luftschutzes unternahm der Luftschutzbund, der auch in Niedersachsen einen Ableger gründete. Dabei griff man gern auf die Expertise aus der NS-Zeit zurück. Karl Ewald, Vorsitzender der Landesgruppe, war Gruppenleiter im Präsidium des Reichsluftschutzbundes in Berlin gewesen, sein Stellvertreter Friedrich Basse Stabsleiter in der Landesgruppe Niedersachsen des Reichsluftschutzbundes.

Im August 1951 wandte sich Ewald mit einem Schreiben an Oberstadtdirektor Karl Wiechert, in dem er diesen über den geplanten Aufbau des Verbandes informierte. „Wir wollen an allen Orten in Niedersachsen ein Gerippe von Mitarbeitern bilden, um im gegebenen Augenblick, wenn die genauen Maßnahmen bekannt werden, auch mit der vollen Arbeit beginnen zu können“, heißt es darin.

Ein Thema, mit dem sich die Stadt nur widerwillig beschäftigte. Nur ungern wollte sie angesichts der Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg die Bürger erneut mit Planungen für den Fall eines Luftkrieges behelligen. Noch 1962 bezeichnete Wiechert das Thema im Verwaltungsausschuss als „unbehaglich“. Gleichwohl forderte er, dass „an die Fragen des Luftschutzes mit der größten Nüchternheit und mit Realismus“ herangegangen werden müsse. Ein Schutz „sei möglich“, wenn die Atombombe in einer gewissen Entfernung falle und sich die Bevölkerung richtig verhalte.

Zu diesem Zeitpunkt liefen die Planungen bereits auf Hochtouren. Dem vorangegangen war ein langer Streit um die Kosten für den Aufbau des Luftschutzes - bis sich schließlich der Bund verpflichtete, den Bunkerausbau sowie die meisten anderen Aufgaben zu bezahlen. Die Gemeinden waren für den Aufbau eines Alarmdienstes zuständig. 1960 informierte die Stadt den Rat per Drucksache darüber, dass 225 Sirenen benötigt würden.

Trotz aller Bemühungen: Tatsächlich ging es mit einem wirkungsvollen Schutz der Bevölkerung nur schleppend voran. 1965 beklagte die Stadt in einem Vermerk: „Der Erfolg dieser Arbeiten des Luftschutz-Gebietes Hannover wird stark gemindert, wenn nicht sogar zunichte gemacht, durch einen nicht mehr zu überbietenden Bürokratismus der zuständigen Stellen im Niedersächsischen Innenministerium.“

Geplant und gebaut wurde trotzdem weiter. Ende der 1970er Jahre zum Beispiel wurden in der Tiefgarage unter dem Opernplatz auch Luftschutzräume eingerichtet. „Wirklich ernst genommen hat das aber niemand. Interessant war das für uns, weil es Zuschüsse gab“, erinnert sich der Architekt Ekkehard Bollmann, der an den Planungen beteiligt war.

Mit dem Ende des Kalten Krieges verlor das Thema Zivilschutz jedoch an Bedeutung. Die Aufgaben des Amtes für Zivilschutz gingen 1994 auf die Feuerwehr über. Die Bunker sind mittlerweile vom Bund aus ihrer Zivilschutzbindung entlassen. Viele sind bereits verkauft oder für Wohnbau abgerissen worden.

Lesen Sie mehr zum Thema in der aktuellen Wochenendausgabe der NP.

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