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Hannover

Am Tropf der Pharma-Industrie?

Von Ärzten und Kliniken erwarten wir Hilfe – die bestmögliche, unbeeinflusst von dritter Seite. Dass das vielleicht nur eine schöne Vorstellung ist, befürchten viele Menschen längst. Verstärkt wird das ungute Gefühl, ob Doktor und Krankenhaus es wirklich nur gut meinen, durch zum Teil üppige Vergünstigungen für die Akteure des Gesundheitssektors von Pharma-Firmen. Erstmals liegen jetzt Zahlen vor, wer von wem wie viel Geld erhalten hat. Die NP hat sich die Lage in Hannover angeschaut.

Hannover. Die Arzneimittelindustrie verteilt Millionen Euro an Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser und ähnliche Einrichtungen – auch in der Region Hannover gibt es viele, die von den Zuwendungen der Pharmaindustrie profitieren.

Größter Empfänger für die Pharma-Kohle ist die Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Sie erhielt gemäß den Angaben aus der Datenbank von „Corrective“ mindestens 870 906 Euro, darunter 87 750 Euro von Bayer – und eine halbe Million Euro der schweizerischen Actelion Pharmaceuticals. Dazu flossen 762 000 Euro an Organisationen und Einzelpersonen mit derselben Anschrift wie die der MHH – zusammen damit mehr als 1,63 Millionen Euro.

Die MHH war „auch urlaubsbedingt“ nicht in der Lage, der NP auch nur ein Projekt zu benennen, für welches das Geld eingesetzt worden war. „Spiegel Online“ hat auch einige „Top-Ärzte“ befragt, die nachweislich von Pharmakonzernen Geld erhalten haben, ihre Zustimmung zur Veröffentlichung gemäß der FSA (siehe Text rechts) aber verweigert haben. Einer davon ist Tobias Welte, Chefarzt für Lungenheilkunde an der MHH. Der Professor erklärt demnach, dass er Transparenz „prinzipiell (...) richtig und gut“ findet – doch in speziellen Fällen lehne er sie ab, da seine „Verflechtungen (...) ganz verschiedene Hintergründe“ hätten, was denjenigen, die die Daten lesen würden, „schwer vermittelbar“ sei. Er glaubt sogar, dass zu viel Offenheit schaden könnte, weil darunter das Vertrauensverhältnis zu seinen Patienten leiden könnte.

Geld der Pharmafirmen floss auch Richtung Kinderkrankenhaus „Auf der Bult“ und Personen oder Institutionen, die an derselben Adresse sitzen. 2015 waren es gemäß Datenbank knapp 71 000 Euro an Sponsoren- und Fördergeld, das hier in der Kinderklinik ankam – mehr als 28 000 Euro von Novo Nordisk. Der Diabetes-Spezialist aus Dänemark attestiert sich selbst eine „führende Positionen in den Gebieten Blutgerinnung (Hämostase), Wachstumshormon- sowie Hormonersatztherapie“.

Der Medizinbetrieb der evangelischen Kirche hängt ebenfalls am Tropf der Pharmaindustrie: Der unter Diakovere firmierende Krankenhausverbund der Diakonie mit Henriettenstiftung, Friederiken- und Annastift erhielt gemäß der offengelegten Daten vergangenes Jahr mindestens 71 532 Euro von den Arzneimittelherstellern; 8800 allein von Novartis und gut 5000 von Roche. Die unter selber Anschrift im Friederikenstift residierende Vereinigung Norddeutscher Urologen bekam knapp 30 000 Euro.

Die Beträge für Ärzte in Hannover reichen von rund 37 300 Euro an den Internisten Hans Heinken in der Georgstraße 46 (die Gemeinschaftspraxis erhielt mindestens 67 241 Euro) bis zu 59,09 Euro für eine MHH-Krankenpflegerin. Auch die Rundestraße 10 (hinterm Hauptbahnhof) profitiert ordentlich: 311 397 Euro flossen an die dort ansässige HIV/AIDS-Hilfeeinrichtung SIDA e.V. , dazu gut 35 000 Euro an mehrere dort niedergelassene Ärzte oder Organisationen.

Zu den gut bedachten Organisationen gehört das Ethno-Medizinische Zentrum e.V. (EMZ), welches 305 685 Euro an Pharmageld erhielt – alles von MSD, dem fünftgrößten Arzneimittelkonzern der Welt (Name in USA: Merck & Co.). Ziel des EMZ ist es, das Wissen von Migranten „über Gesundheit und die Nutzung des Deutschen Gesundheitsdienstes zu verbessern“ und „Eigenverantwortung für ihre Gesundheit und für Maßnahmen zur Prävention zu stärken.“

Klinikum: Ohne Sponsoren wäre manches nicht machbar

Auch das Klinikum Region Hannover mit seinen zehn Krankenhäusern – von Nordstadt über Gehrden, Langenhagen bis Siloah-Oststadt – erhält Geld von der Pharmaindustrie. Nicht in dem Umfang wie andere Einrichtungen (etwa die MHH), doch immerhin flossen vergangenes Jahr mindestens 57 666 Euro hierher.

Ein Projekt, das davon profitiert, ist laut Klinikums-Sprecher Bernhard Koch der jährlich stattfindende Internistentag des Klinikums. Auf dieser Veranstaltung hätten sich etwa 220 niedergelassene Internisten getroffen, ausgetauscht und die Wahl unter Vorträgen von 20 Referenten gehabt. Je 1250 Euro hätten Boehringer und Novartis gesponsort, hätten dafür „am Rande der Veranstaltung“ ihre „Informationsstände aufstellen“ dürfen. Koch erklärt, dass das Klinikum solche Projekte ohne Sponsoren „nicht auf die Beine stellen könnte. Das ist Voraussetzung, eine solche Veranstaltung zu stemmen – von den Krankenkassen gibt es dafür kein Geld“.

In welchen Fällen das Klinikum und seine Angestellten Gelder annehmen dürfen und für welchen Zweck, ist in der „Geschäftsanweisung M01-2014“ niedergelegt. Unter anderem gilt ein Trennungsprinzip: Zuwendungen dürfen nicht genommen werden, wenn damit Beschaffungsentscheidungen beeinflusst werden könnten. Zudem muss jeder Vorgang offengelegt werden, Nebentätigkeiten bedürfen der Genehmigung, „zumindest der Kenntnisnahme“ durch den Vorgesetzten (Transparenz-Genehmigungsprinzip). Außerdem muss alles dokumentiert werden.

Die Datenbank der Pharmagelder

Pharmageld für Migranten-Infos


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