Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Altenpflegerin berichtet aus ihrem Alltag
Hannover Meine Stadt Altenpflegerin berichtet aus ihrem Alltag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:40 21.02.2018
personalsorgen: Die Altenpflege in Deutschland steht vor personellen Engpässen. Schon jetzt bleibt die Pflege und Betreuung vieler Bewohner auf der Strecke, sagen Kritiker.   Quelle: Foto: dpa
Anzeige
Hannover

 Etwa zehn Minuten hat Karin H. (Name von der Redaktion geändert) morgens Zeit für einen alten Menschen. Zehn Minuten, um die Windel zu wechseln, ihn zu waschen, anzuziehen, in den Rollstuhl zu setzten. Dann wartet bereits der nächste Bewohner. „Das ist einfach zu wenig Zeit“, sagt die Altenpflegehelferin. Sie weiß, was der häufig zitierte „Pflegenotstand“ konkret bedeutet.

Die Frau mittleren Alters arbeitet in einem Altenpflegeheim im Raum Hannover. Ihren Namen und das Heim, in dem sie tätig ist, will sie nicht nennen. Das könnte ihren Job gefährden. Ein stressiger Job, der nicht besonders gut bezahlt ist. H. hofft, dass sich durch die angestoßene Debatte endlich etwas bewegt.

Es war im September, als ein junger Mann aus Hildesheim die Republik aufrüttelte. In der ARD-Wahlarena warf Pflege-Auszubildender Alexander Jorde Kanzlerin Angela Merkel vor, zu wenig gegen den Pflegenotstand getan zu haben. Die Würde des Menschen werde in den Krankenhäusern und Altenheimen in Deutschland tagtäglich tausendfach verletzt. „Stundenlang liegen Menschen in ihren Ausscheidungen“, so Jorde damals. Er forderte die Einführung einer Quote, die einen besseren Pflegeschlüssel garantiert.

Dass Bewohner stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen, habe die Pflegehelferin aus Hannover zwar nicht beobachtet – „tagsüber eine halbe Stunde höchstens. Nachts kann das schonmal länger sein.“ Mehr Personal sei aber durchaus notwendig, unterstreicht auch sie. In dem Wohnbereich, in dem sie tätig ist, werden 40 Leute betreut – vormittags sollen drei Pflegekräfte, nachmittags bis abends zwei und nachts eine Pflegekraft anwesend sein. In der Praxis sei man in der Frühschicht aber oft nur zu zweit für die Pflege von 40 Leuten. Dazu kommen maximal zwei Betreuer, die essen verteilen, sich mit den alten Menschen im Gruppenraum unterhalten, vorlesen oder Spiele spielen. Auch hier sei meistens nur ein Betreuer für 40 Menschen anwesend. Darunter würden vor allem die Bettlägerigen leiden, die ohne Unterhaltung im Zimmer liegen.

Betreuung und Pflege – alles knapp kalkuliert: „Als Pflegekraft arbeitet man unter permanentem Zeitdruck.“ Kann man der Würde des Menschen dabei überhaupt gerecht werden? Karin H. lächelt müde. „Ganz ehrlich: Während der Arbeit hat man keine Zeit darüber nachzudenken. Dafür ist der Stress zu groß.“ Das war früher anders, weiß sie. 2013 habe es vier Frühdienst-Pfleger gegeben, im Spätdienst drei. „Doch dann musste aus Kostengründen Personal abgebaut werden“, sagt sie. Auf Kosten der Pflege.

Zu mehr Gehalt habe das nicht geführt. Karin H. arbeitet in einem privaten Altenpflegeheim und verdient dort den Pflege-Mindestlohn von 10,20 Euro. „Für die anstrengende Arbeit sehr wenig“, sagt sie. Gleichzeitig versuchen viele Einrichtungen mit befristeten Verträgen, das Personal niedrig zu halten, erklärt sie. Ein Flächentarif würde viel bringen, glaubt Karin H. – auch, um gegen den Personalmangel in der Pflegebranche anzugehen. Laut Schätzungen fehlen in Niedersachsen in der Altenpflege bis 2030 zwischen 21 000 und 52 000 Mitarbeiter (siehe auch Text unten). Die Politik sei gefordert: „Wenn die Löhne steigen, wird die Pflege auch für Quereinsteiger interessant. Es gibt viele Arbeitslose, die man damit locken könnte.“

Niedersachsen steht vor großer Pflege-Misere

Es gibt schon jetzt einen Personalnotstand – wie groß ist er?
In Niedersachsen fehlen in der Altenpflege bis 2030 zwischen 21 000 und 52 000 Mitarbeiter. Diese Anzahl an Stellen müsste in den kommenden Jahren neu besetzt werden, wie eine Prognose des Sozialministeriums ergab, die sich auf den Landespflegebericht 2015 stützt.

Inwiefern bekommen das die Menschen zu spüren?
„Es gibt schon jetzt immer mehr Berichte von Engpässen bei Pflegediensten“, sagt Sandra Mehmecke, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Errichtungsausschusses der Pflegekammer Niedersachsen. „In den struktur- und bevölkerungsschwachen Gebieten Niedersachsens ist die Situation deutlich angespannter“, sagt sie. Aber auch in Hannover bekämen Familien manchmal keinen Pflegedienst.

Wie viele Menschen arbeiten denn im Moment im Land in der Pflege?
Rund 112 000 Menschen arbeiteten 2013 und damit laut den aktuellsten erhobenen Daten in Niedersachsen in Pflegeberufen. Demgegenüber standen 288 000 pflegebedürftige Menschen. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird laut Prognosen steigen. 2030 dürften es landesweit knapp 379 000 sein – ein Plus von gut 30 Prozent.

Viele Nachwuchskräfte brechen ihre Ausbildung ab. Woran liegt das?
Auszubildende werden laut Experten häufig als Lückenfüller eingesetzt. Dadurch spürten sie das Missverhältnis beim Personalschlüssel schon früh, sagt Johanna Knüppel, Sprecherin Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK).. „Das ist demotivierend.“ Viele brächen eine Ausbildung schon nach einem halben Jahr ab. Ein Job in der Krankenpflege biete mehr Aufstiegsmöglichkeiten als in der Altenpflege. Krankenpfleger werden – mit bis zu 600 Euro brutto pro Monat - auch besser bezahlt. Krankenhäuser hielten sich bei der Bemessung der Löhne meist an Tarifverträge. Alten- und Pflegeheime hätten dagegen oft private Träger, die nicht tarifgebunden seien und das Lohnniveau senkten, sagt Johanna Knüppel.

Welche Probleme haben die Pflegekräfte in der täglichen Arbeit?
Wenige Mitarbeiter müssen sich um viele Patienten und Pflegebedürftige kümmern. „Pflege kann nur noch im Dauerlauf absolviert werden“, schildert Knüppel. Der enorme Zeitdruck in dem Job mache auch die Pfleger selbst körperlich oder seelisch krank. Mehmecke bestätigt: „Der Zeitdruck ist ein riesiger Negativfaktor.“ Die hohe Arbeitsbelastung führe auch dazu, dass pflegerische Leistungen rationiert werden müssen. Es würden Abstände zwischen dem regelmäßigen Wechsel der Positionen von Pflegebedürftigen verlängert oder Mobilisation und Wundkontrolle bei Patienten sei nicht mehr jeden Tag möglich. „Das sind auch Aspekte, die die Sicherheit der Versorgung bedingen können“, beschreibt Mehmecke.

Würden höhere Gehälter in der Pflege etwas bringen?
Mehr Lohn wäre aus Sicht der DBfK-Sprecherin sinnvoll. „Trotzdem sagen viele Beschäftigte der Altenpflege: Ein zusätzlicher Kollege würde mir mehr nützen als ein höheres Gehalt“, sagt Knüppel. Denn die Überstundenzahlen seien gigantisch und Zeit zum Ausspannen fast nicht vorhanden. „Was greifen könnte, sind Festlegungen dazu, wie viele Bewohner oder Patienten eine Fachkraft höchstens betreuen darf“, schätzt Mehmecke die Lage ein.

Könnten Roboter in der Pflege künftig helfen, die Lücke zu schließen?
„Ich warne erstmal davor, Robotik in der Pflege als Heilsbringer zu verstehen“, betont Mehmecke. Aber solche Innovationen könnten eine Hilfestellung sein. Doch sie ersetzten keine Pflegekräfte. Die Krankenbeobachtung könne ein Roboter nicht leisten, auch könne er keine menschliche Nähe ersetzen. „Roboter sind aber zum Beispiel gut, um bei der Mobilisation zu helfen“, sagt Mehmecke.

Wie kann man mehr junge Menschen für den Beruf begeistern?
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist den Expertinnen zufolge die Autonomie des Pflegepersonals gering. „Oft dürfen sie ohne einen Arzt fast nichts entscheiden“, beschreibt Johanna Knüppel. Das frustriere viele Mitarbeiter in Kliniken und in den Pflegeheimen.  In anderen Ländern führe der Weg zum Krankenpfleger längst über eine Universität, weil die Tätigkeiten im Berufsalltag komplex sind. „In Deutschland ist es ein weisungsgebundener Beruf mit niedrigem Gestaltungsniveau“, sagt Knüppel. Das schrecke junge Menschen ab. Es habe schon entsprechende Projekte gegeben, erzählt Mehmecke. Dabei durften Fachkräfte etwa eigenständig Inkontinenz-Materialien verschreiben. „Diese Modellprojekte sind allerdings nicht in der Fläche ausgebaut worden.“

Von Simon Polreich

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige