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Meine Stadt Alltag am Jugendgericht: „Ich hab’ ja gar nicht geklaut“
Hannover Meine Stadt Alltag am Jugendgericht: „Ich hab’ ja gar nicht geklaut“
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09:29 30.08.2018
„EIGENTLICH IST KRIMINALITÄT MÄNNLICH“: Jugendrichter Jens Buck über die Mehrheit der Beschuldigten. Quelle: Körlin
Hannover

Suada M. (36) war auf der Flucht. Die schwangere Ladendiebin rannte durch die Georgstraße Richtung Steintor. Ihr auf den Fersen war ein glatzköpfiger Kaufhausdetektiv (43); mittelgroß, flink, gebaut wie ein Schrank.

Atemlos versteckte sich die wegen Körperverletzung vorbestrafte Serbin beim Wurst-Basar. Hinter dem Regal für Tabletts mit Essensresten hockte die achtfache Mutter, als der Verfolger sie stellte. Mit Recht. Und kräftigem Griff.

„Der Mann ist ein Unmensch. Er hat gequetscht meine Hand, mir wehgetan“, schimpft Suada M. im Saal 2288 des Amtsgerichts. Hier verhandelt das Jugendgericht gegen die 36-Jährige. Denn zusammen mit einer ihrer noch sehr jungen Töchter hatte sie Kleidung im Wert von 348,50 Euro gestohlen.

„Eigentlich ist das ein Missverständnis. Ich war schwanger, ich habe nichts gemacht. Ich habe es nicht nötig, zu klauen“, widerspricht die Angeklagte dem Ankläger und legt – um ihre Aussage zu untermauern – einen Haufen Kaufhaus-Kassenzettel auf den Tisch. Belege, keine Beweise.

„Der Staatsanwalt glaubt Ihnen nicht. Und ich glaube Ihnen auch nicht“, sagt Richter Jens Buck. In diesem Moment quengelt das Baby - bääh, tönt es aus dem Kinderwagen. Der steht direkt neben der Beschuldigten.

Die trägt weißes XXL-Shirt mit kleinen Marienkäfer-Applikationen, schwarzen Rock, dunkle Schlappen mit Glitzersteinen. Auf ihrem Schoß sitzt eine ihrer Töchter und nuckelt an einem türkisfarbenen Schnuller.

Am 27. April um 16.50 Uhr war das diebische Duo dem Warenhausdetektiv aufgefallen. Das, was eine Überwachungskamera dem 43-Jährigen zeigte, habe ausgesehen wie: „Waren einpacken, runter zum Ausgang – und tschüss.“

Der Ankläger plädiert auf eine Geldstrafe. 40 Tagessätze á zehn Euro soll Suada M., die nach eigenen Angaben „vom Amt“ lebt, zahlen. Der Erste Staatsanwalt argumentiert: Die 36-Jährige habe keine Kasse angesteuert, das Warenhaus auf direktem Weg verlassen, sei trotz des Piepens der Alarmanlage am Ausgang weitergegangen und habe sich beim Wurst-Basar versteckt. „Das deutet auf einen Diebstahl hin. Gemeinschaftlich, dreist, zielgerichtet.“

Richter Buck sieht das ähnlich. Er verurteilt die Angeklagte zu einer Geldstrafe von 400 Euro, dazu gibts den kostenfreien Hinweis an die frisch Verurteilte: „Das nächste Mal, wenn die Alarmglocke klingelt, bleiben Sie stehen.“

*

Um 11 Uhr verhängt der Jugendrichter Ordnungsgelder. Gegen zwei Erwachsene, die nicht im Saal sitzen. 150 Euro muss der Vater zahlen, 150 Euro die Mutter.

Beide hatten nicht dafür gesorgt, dass ihr minderjähriger Sohn um 10.30 Uhr zu seiner Verhandlung erscheint. Der 17-Jährige war beim Schwarzfahren erwischt worden. In Zone 2 konnte er nur ein Ticket für Zone 1 vorweisen.

Ein kleineres Delikt. Doch jetzt drohen größere Konsequenzen. Beispielsweise ein Haftbefehl. Aber zunächst wählt Buck die Handynummer des Beschuldigten. Nur der AB reagiert. Der Richter auch. Er ruft bei der Polizei an. Beamte sollen den Minderjährigen vorführen. Der Beschuldigte ist vorbestraft: Diebstahl, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, Cannabis-Handel.

„Ich kenne ihn. Ein junger Mann, der nicht zur Schule geht“, erläutert Buck den rund 20 Jura-Studenten, die zu Ausbildungszwecken an der nichtöffentlichen Verhandlung des Jugendgerichts teilnehmen dürfen: „Ein bis zwei Beschuldigte je Sitzungstag erscheinen nicht. Dann bitten wir die Polizei, sie vorzuführen. Die Hälfte kriegen wir – die schlafen meist nur.“

Zu den Erziehungsberechtigten sagt Buck: „Ein ganz wichtiger Baustein – wenn sie auch vor Gericht erscheinen, ist die Chance größer, dass ein straffreies Leben gelingt.“ Doch manchmal würden Eltern, die durchaus „Position beziehen sollten, über das Ziel hinausschießen“.

Etwa im Fall einer Ladendiebin. Die Schülerin hatte weniger als 20 Euro Schaden angerichtet. Als sie zum Prozess erschien, hatte sie schon aber drei Monate Hausarrest – verhängt von den Eltern - hinter sich. „Da habe ich das Verfahren gegen eine Ermahnung eingestellt“, sagt Buck.

*

Der nächste Fall. Ein sogenannter Schulverweigerer. 26 Fehltage, Bußgeld 110 Euro. Dagegen hat der junge Mann Widerspruch eingelegt. Der dunkelhaarige mit dem schwarzen Vollbart trägt weiße Turnschuhe, Bluejeans, weißes T-Shirt.

Sein Vater will neben ihm vor dem Richter Platz nehmen. „Lassen Sie Ihren Sohn mal allein sitzen“, sagt Buck und dirigiert den grauhaarigen kleinen Mann zur ersten Stuhlreihe, in der bei öffentlichen Verhandlungen die Zuschauer sitzen.

Angstzustände, Panikattacken vor Maschinen habe er, sagt der Berufsfachschüler leise. Ein Attest hat er dabei. „Durchschnittlich engagiert, immer nett, nicht auffällig“, beschreibt ihn sein Lehrer. Der 31-Jährige ist als Zeuge geladen, blättert im Klassenbuch und verifiziert die Fehlzeiten des Schulschwänzers.

Problem: Das Attest wurde erst nach den 26 Fehltagen erstellt. Buck sagt: „Ich schicke die Bescheinigung zum Ordnungsamt – mit der Anregung, das Owi-Verfahren einzustellen.“ Dann appelliert der Jugendrichter an den jungen Mann: „Gehen Sie zu einem Psychiater, lassen Sie sich helfen. Das ist nicht schlimm.“

Das Telefon auf dem Richterpult klingelt. Die Polizei hat den Schwarzfahrer nicht zuhause angetroffen. Beim nächsten Termin soll er gleich von der Polizei vorgeführt werden. „Wenn er dann wieder nicht da ist, gibt es einen Haftbefehl – und einen neuen Verhandlungstermin erst nach seiner Verhaftung.“

*

„Ich habe ja nicht richtig geklaut. Ich habe nur vergessen zu bezahlen“, sagt die nächste Beschuldigte. Die Jugendliche mit dem rotbraunen Zopf und der hochgesteckten Sonnenbrille soll mit ihrer Begleiterin Kosmetik im Wert von knapp 30 Euro gestohlen haben.

Eigentlich sollte die mutmaßliche Komplizin jetzt neben ihr vor dem Jugendrichter sitzen. Doch die Mitbeschuldigte hat offensichtlich andere Pläne für den Vormittag. Ihr Verfahren wird abgetrennt.

Übrig für die anwesende Beschuldigte bleibt der Vorwurf, die Ladenkasse mit Lipgloss im Wert von 2,50 Euro in der Hosentasche kostenneutral passiert zu haben. Ein kleines Delikt. Doch die schwarzgekleidete junge Frau ist mehrfach vorbestraft: Schwarzfahren, Körperverletzung, Beleidigung, gemeinschaftlicher Diebstahl in drei Fällen, Diebstahl.

Buck befragt die Jugendliche intensiv zu ihren Lebensumständen. Sie hat einen gesetzlichen Vertreter, lebt in einem betreuten Wohnprojekt. Es gibt große Probleme mit der Familie. Mutter und Vater hatten das Sorgerecht abgegeben, weil sie sich nicht einigen konnten, wer es denn übernimmt.

Sie würde gern wieder zur Schule gehen, zu einer Therapieschule, berichtet das Mädchen. „Warum nicht in eine Regelschule?“, fragt Buck. Antwort: „Ich komm‘ halt nicht so klar an normalen Schulen.“

Frage: „Seit wann gehst Du nicht mehr zur Schule?“ Antwort: „Weiß ich nicht.“ Frage: „Gibt es noch eine Drogenproblematik?“ Antwort: „Nicht mehr!“

Frage: „Was möchtest Du in zwei Jahren erreicht haben?“ Antwort: „Einen Schulabschluss.“ Frage: „Was kannst Du denn besonders gut?“ Das Mädchen überlegt einen Moment, sagt dann: „Keine Ahnung.“

Buck hakt nach: „Was macht Dir besonders viel Spaß.“ Das ehrenamtliche Engagement in einer Hilfsorganisation, antwortet die Beschuldigte. „Sie nimmt die Betreuung gut an“, betont eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe.

Buck stellt das Verfahren ein - „trotz erheblicher Bedenken des Gerichts“. Denn es gebe da unter anderem ja noch eine Akte der Staatsanwaltschaft. Wechselseitige Körperverletzung: Mit 1,45 Promille und ihrer mutmaßlichen Komplizin. „Das geht nicht in Deinem Alter. Du musst aufhören, Dich wegzuballern“, stellt der Richter klar und fügt hinzu: „Achte darauf, dass Du keine Straftaten mehr begehst – sonst bist Du eine Kandidatin für den Arrest.“ Die Jugendliche erhält die Auflage, einen Tag gemeinnützige Arbeit zu leisten.

Von Andreas Körlin

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