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Meine Stadt Al-Anons: Wenn der Partner ein Alkoholiker ist
Hannover Meine Stadt Al-Anons: Wenn der Partner ein Alkoholiker ist
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09:58 07.03.2017
BETROFFENE UND HELFER ZUGLEICH: Ursula Schmidt (links) und Leo Krüger (rechts) sind selber Al-Anons. In regelmäßigen Treffen helfen sie aber auch anderen Betroffenen. Quelle: Wilde
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Hannover

Für Ursula Schmidt (64)* war die Arbeit eine Zuflucht vor einem Zuhause, das ihr schon lange keine Geborgenheit mehr bot. Denn dort wartete ihr Mann – sturzbetrunken auf dem Sofa, umgeben von leeren Flaschen. Schmidt gehört zu den etwa neun bis zehn Millionen Menschen, die allein in Deutschland als Angehörige von Alkoholkranken betroffen sind. Hilfe fand sie bei den Angehörigen von Alkoholkranken (Al-Anons), einer wenig bekannten Selbsthilfegruppe.
„Das ganze Umfeld leidet unter einer solchen Sucht, es beeinträchtigt das Leben extrem“, erklärt Leo Krüger (68)*. Diese Beeinflussung wird auch als Co-Abhängigkeit bezeichnet. Krüger geht seit 1990 zu den Al-Anons, da seine Frau lange Jahre alkoholkrank war. „Unsere Kinder waren bei der Zwangseinweisung zehn und 18 Jahre alt. Das war nicht einfach, unsere große Tochter hat sich von uns abgewandt. Inzwischen ist meine Frau trocken. Ich gehe aber immer noch zu den Treffen der Al-Anons, das tut mir gut und ich kann meine Erfahrungen weitergeben“, sagt er. Sind die Angehörigen unter 18 Jahre alt, nennen sie sich Alateen.

Ursprünglich kommen die Al-Anons aus Amerika, seit 50 Jahren gibt es solche Gruppen auch in Deutschland – 24 000 Gruppen gibt es weltweit, 600 davon in Deutschland. „In den Meetings werden keine Tipps oder Ratschläge gegeben. Jeder erzählt seine Geschichte oder was die jeweilige Person beschäftigt. Es werden Erfahrungen geteilt, und so kann man sich mit jemandem identifizieren“, erklärt Krüger. Claudia Müller (37)* ergänzt: „Es herrscht absolute Freiwilligkeit, niemand muss etwas sagen. Den Betroffenen geht es besonders zu Beginn sehr schlecht, denn erst wenn sie keinen Ausweg mehr finden und sich total alleine fühlen, kommen sie zu uns.“

Auch die 37-Jährige besucht regelmäßig Treffen der Al-Anons in Hannover: „Mein Stiefvater war alkoholkrank und ist daran verstorben. Einen anderen Verwandten, der auch alkoholkrank war, habe ich danach bis zum Tod begleitet. Er ist in meinen Armen gestorben.“ Ein Freund hat sie später zu den Al-Anons eingeladen, da war sie aber schon lange erwachsen: „Auch ich musste erst mal verstehen, dass ich dadurch krank geworden bin. Ich hatte Depressionen und habe immer getan, was die Umgebung von mir verlangt hat, wie eine Marionette.“ Immer suchte sie die Fehler bei sich, hatte kein Selbstwertgefühl mehr. „Ich musste lernen, konsequent zu werden und ,Nein‘ zu sagen. Die Al-Anons sind eine sehr ehrliche Gemeinschaft, es ist immer Hilfe da.“ Und: „Ich brauche keine Angst zu haben, in den Urlaub zu fahren, denn auf der ganzen Welt kann ich in eine Gruppe gehen“, sagt die 37-Jährige.

Der Mann von Ursula Schmidt hat 40 Jahre getrunken, gemeinsam haben sie vier Kinder. Als die Kinder aus dem Haus waren und ihr Mann auf Montage arbeitete, habe er immer mehr getrunken. Die Wodka-Flaschen im Kühlschrank habe er mit Wasser aufgefüllt. Er dachte, das merkt sie nicht. Doch das war nicht so. „Ich habe immer gesagt ‚Hör‘ bitte auf zu trinken‘. Er hat sich aber nie eingestanden, dass er alkoholkrank ist.“

Schon acht Jahre bevor er im Supermarkt zusammengebrach und daraufhin zu einer Entgiftung ins Krankenhaus kam, ging sie zu den Al-Anons. Erst nach dem schlimmen Zusammenbruch und dem anschließenden Entzug habe er sich seine Krankheit eingestanden. „Jetzt ist alles gut, mein Mann trinkt nicht mehr, und wir sind wieder eine richtige Familie.“ Ihre Erfahrungen möchte die Frau aber immer noch bei regelmäßigen Treffen erzählen und weitertragen.

Am 13. Mai findet der 31. Selbsthilfetag der KIBIS (Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich) in Hannover statt. Rund um den Kröpcke werden etwa 80 Selbsthilfegruppen mit Informationsständen bereitstehen. Auch die Al-Anons sind dabei: „Das ist eine ganz tolle Möglichkeit, um den Menschen zu zeigen, dass es uns gibt und sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Viele kennen die Al-Anons gar nicht“, erklärt Krüger.

Einige Betroffene gehen regelmäßig in Schulen und informieren Klassen über die Selbsthilfegruppen. „Die Schüler sind sehr interessiert und stellen viele Fragen“, sagt Krüger.
* Namen geändert

Hier finden Betroffene Unterstützung

Betroffene Angehörige von Alkoholkranken können sich an vier Selbsthilfegruppen in Hannover wenden. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Dienstags um 19 Uhr wird sich im Gemeindehaus in der Jordanstraße 22 und mittwochs um 19.30 Uhr im Freizeitheim Ricklingen im Ricklinger Stadtweg 1 
getroffen. Donnerstags findet um 10 Uhr und sonntags um 16 Uhr ein Treffen im AA-Kontaktzentrum in der Großen Barlinge 66 statt. Betroffene, die als Kinder in dem Umfeld eines erwachsenen Alkoholkranken aufgewachsen sind, inzwischen aber erwachsen sind, treffen sich donnerstags um 19 Uhr im Freizeitheim Linden. Die Alateen-Gruppe in Hannover findet auf Anfrage unter der Telefonnummer 0163/28 45 928 statt. Das Kontaktzentrum ist unter 0511/80 78 311 erreichbar. Weitere allgemeine Informationen und Termine gibt es auch im Internet unter www.al-anon.de.

Cecelia Fischer

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