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Meine Stadt Ärztekammer: Schadstoff-Problematik heillos übertrieben
Hannover Meine Stadt Ärztekammer: Schadstoff-Problematik heillos übertrieben
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06:01 11.09.2018
Der Abrissbagger frisst sich durch das Ärztehaus. Quelle: Petrow
Hannover

Gierig gräbt sich der Longfront-Bagger in das fünfte Stockwerk des Ärztehauses. Oder vielmehr in das, was von dem einstigen Hochhaus aus dem Jahr 1968 übrig geblieben ist. Staub liegt in der Luft. Ein Arbeiter in Schutzkleidung und mit Atemschutz steckt die Mineralwollmatten in so genannte Big Bags. Der Dämmstoff gilt als krebsverdächtig, weil seine Fasern in die Lunge dringen und dort nicht abgebaut werden.

Im Juni gab es wegen der Big Bags Ärger mit Anwohnern. Sie hatten festgestellt, dass die Säcke mit dem Aufdruck „Asbest“ aufgerissen waren. Doch der Umweltgutachter Kurt Klimsa konnte die besorgten Bürger schnell beruhigen. In den Säcken sei kein Asbest gewesen, sondern lediglich die Mineralwollmatten. Auch der Zement habe kein Asbest enthalten, sagt Klimsa. Der Umweltfachmann ist von der Ärztekammer beauftragt, den Abbruch des Hauses zu überwachen.

Gebäude entkernt

Mit dem Abriss befindet sich die Firma Hagedorn im Zeitplan. Acht Wochen dauert es bis die 11.000 Tonnen Beton abgetragen sind. Ende September soll der Abbruch beendet sein, dann wird der Schutt entsorgt. Derzeit lagert er noch im Keller – als Ballast, damit die unteren Gebäude nicht vom Grundwasser aufgeschwemmt werden.

Der größte Teil der Arbeit war von außen nicht sichtbar. Das 38 Meter hohe Gebäude wurde vor dem Abriss total entkernt. „Dabei haben wir die leicht zugänglichen Schadstoffe entfernt“, sagt der Umweltexperte. Die Rede ist von belasteten Isolierungen, Fliesenklebern oder Spachtelmassen. „Teerhaltige Schadstoffe haben wir nicht gefunden“, erklärt Klimsa. Nach der Entkernung hätten Raumluftmessungen unbedenkliche Wert ergeben.

Die Abrissarbeiten am Ärztehaus in der Innenstadt kommen voran.

Das klingt alles sehr entspannt. Und hat nichts mit dem Schreckensszenario zu tun, das Ärztekammerpräsidentin Martina Wenker vor dem Abriss an die Wand malte. Da war immer von einem hochbelasteten Bau die Rede. Im September 2016 wurde sogar behauptet, dass die Ärztekammer aus Asbestzement bestehe. Dann hätte der Abriss aber nicht vier Millionen Euro gekostet, sondern eher das Zehnfache, sagt ein Bauexperte.

Hausherr redet Immobilie schlecht

Es ist nicht das erste Mal, dass die Kammer-Repräsentanten ihr Gebäude mit der auffälligen Verspiegelung schlecht reden. Präsidentin Wenker erklärte Ende 2016, dass die Ärztekammer das Gebäude räumen müsste, weil der Brandschutz unzureichend sei. Das habe die Stadt so verfügt. Doch bei der Stadt konnte sich niemand an eine solche Verfügung erinnern.

Es klingt paradox, wenn ein Hausherr seine Immobilie so schlecht macht. Um das zu verstehen, muss man nach Hildesheim schauen. Dort sitzt der Landesrechnungshof. Die Behörde hatte die üppige Vergütung der ehrenamtlichen Kammerpräsidentin („Manager-Gehalt“, 200.000 Euro zu versteuerndes Jahreseinkommen) und die hohe Rücklagenbildung der Kammer (etwa 20 Millionen Euro) gerügt. Das verstoße gegen das Haushaltsrecht, teilte der Landesrechnungshof mit.

Die Mutmaßung eines hohen Beamten beim Landesrechnungshofes: Anstatt sich von einer Behörde sagen zu lassen, wie die Kammer mit ihrem Geld umgehen soll, kam sie auf die Idee einen neuen Prunkbau für 50 Millionen Euro an den Schiffgraben zu stellen. Doch für diese Aktion brauchte man Argumente, schließlich geht es um die Pflichtbeiträge der Kammermitglieder (rund 41.000 Ärzte).

Die etwa 150 Mitarbeiter arbeiten derzeit in einem angemieteten Bürohaus in der Karl-Wiechert-Allee (Groß-Buchholz). Der Neubau soll Ende 2021/Anfang 2022 bezugsfertig sein – garantiert schadstofffrei.

Von Thomas Nagel

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