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Meine Stadt Abu-Walaa-Prozess: Der schweigende Kronzeuge
Hannover Meine Stadt Abu-Walaa-Prozess: Der schweigende Kronzeuge
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16:28 30.07.2018
Celle

Es wird der 64. Prozesstag sein, wenn nach der Sommerpause am Mittwoch im Oberlandesgericht Celle wieder gegen Hassprediger Abu Walaa verhandelt wird. Mit Spannung ist die Fortsetzung erwartet worden, nachdem die Bundesanwaltschaft mit der Präsentation eines neuen Kronzeugen kürzlich einen Paukenschlag gelandet hatte. Immerhin sollte einer der Tempel-Bomber von Essen, Yusuf T. (18), gegen Abu Walaa und die vier Mitangeklagten auspacken. Doch inzwischen will der 18-Jährige, der 2016 mit zwei Komplizen das Attentat auf ein indisches Sikh-Gotteshaus verübt hatte (NP berichtete), kein Kronzeuge mehr sein. Er wird schweigen, versichert sein Anwalt Burkhard Benecken gegenüber der NP: „Im Prozess gegen Abu Walaa wird mein Mandant von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.“ Entpuppt sich das neue Ass im Ärmel der Ankläger etwa als Schlag ins Wasser?Yusuf T. war selbst Fanatiker. Ein Bombenleger im Namen Allahs. Kaum älter als ein Kind, warfen der heute 18-Jährige und zwei Glaubensbrüder im April 2016 Sprengsätze auf den Essener Tempel. Der Türke gehörte damals zum Nachwuchs der Islamisten-Szene in Nordrhein-Westfalen. Er kennt sich aus in dem Milieu, wo die Scharia (islamisches Rechts) gilt und nicht das deutsche Grundgesetz. Und Yussuf T. soll einiges über das mutmaßliche Netzwerk des Abu Walaa wissen, das nach Ansicht der Bundesanwaltschaft junge Menschen so manipuliert hat, dass sie für die Mörderbande des Islamischen Staats (IS) nach Syrien und Irak in den Heiligen Krieg zogen.Im Knast in Iserlohn, wo Yusuf T. zurzeit seine siebenjährige Strafe wegen des Bombenattentats absitzt, plauderte er Anfang des Jahres bereitwillig aus, was er über die islamistischen Hetzer weiß – auf 150 Seiten festgehalten von Beamten des Landeskriminalamts NRW. Doch das will der 18-Jährige nun nicht mehr vor Gericht in Celle wiederholen. Der Grund ist, dass der Türke sich getäuscht fühlt. Von Staatsschützern des LKA in Nordrhein-Westfalen. Die hatten den Tempel-Bomber zwar fleißig über Abu Walaa und Co. ausgehorcht, ihn aber gleichzeitig verschwiegen, dass weitere Terror-Ermittlungen gegen ihn selbst laufen. „Herr T. wird deshalb keine Angaben zur Sache machen“, erklärt Benecken.Wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Inland existiert gegen Yusuf T. schon seit 2016 ein Ermittlungsverfahren. Hintergrund ist seine Whats-App-Gruppe „Unterstützer des Islamischen Kalifats“. In diesem Smartphone-Geheimbund hatten sich damals insgesamt 13 Jugendliche radikalisiert. Aus dem Zusammenschluss gingen die drei Tempel-Attentäter hervor. Anwalt Benecken will nun überprüfen, inwieweit die neuerlichen Ermittlungen gegen seinen Mandanten überhaupt rechtens sind. Denn wegen des Anschlags ist der Türke längst rechtskräftig verurteilt. Die Aussagen gegenüber dem LKA hatte ausgerechnet das Islamisten-Aussteigerprogramm „Wegweiser“ in NRW eingefädelt. Kontaktpersonen, die in der Regel um blindes Vertrauen ihrer Klienten bemüht sind, statt Kronzeugen-Akquise für Ermittlungsbehörden zu betreiben.Laut Benecken sei Yusuf T. im Februar 2018 mehrfach von Staatsschützern in Haft vernommen worden. Ohne sein Wissen. Nicht nur der Anwalt fragt sich, warum der 18-Jährige gerade jetzt sein Wissen über Abu Walaa der Polizei offenbaren sollte? Insider schließen nicht aus, dass es etwas mit dem Auftritt von Anil O. (24) zu tun hat. Der IS-Rückkehrer aus Gelsenkirchen hatte im Prozess gegen den selbsternannten Scheich von Hildesheim bis Dezember 2017 ausgesagt. Und nicht den besten Eindruck hinterlassen. Sollte Yusuf T. deshalb Ersatz-Kronzeuge werden?Der Kampf um die mediale Lufthoheit um den Auftritt des Tempel-Bombers in Celle ist jedenfalls eröffnet. Von unbekannter Seite waren Anfang des Monats Medien in NRW die polizeilichen Vernehmungsprotokolle des 18-Jährigen zugespielt worden. Ganze Passagen werden daraus in diversen Berichten zitiert. Sehr zum Ärger der Familie in Yusuf T. „Seine Mutter war entsetzt darüber“, berichtet Benecken. Auch für ihn ist der Vorgang „ein starkes Stück“. Der Jurist: „Es handelt sich um Akteninhalt, der nicht einmal mir als Anwalt bekannt ist.“ Doch den erhofften Showdown mit dem Tempel-Bomber wird es im Abu-Walaa-Prozess wohl nicht geben.Yusuf T. hat sich laut Benecken inzwischen von seinen extremistischen Ansichten gelöst, will von IS und Salafisten nichts mehr wissen. Im Knast bastele er nun an seiner beruflichen Zukunft. Und er hat sich inzwischen aufs Klavierspielen verlegt. Mozart und Beethoven sind jetzt seine Vorbilder.Von Britta Mahrholz

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