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Prozess

Schwerkranke Frau zieht vor Gericht

Eine junge Frau aus Wennigsen leidet unter einer Fülle schwerer Krankheiten. Kein Arzt und keine Therapie konnten Corinna Minsch helfen. Nun hat ihr Arzt, weil sie als „austherapiert“ galt, eine Blutwäsche empfohlen. Diese teure Therapie zeigt erste Erfolge. Doch die BKK Mobil Oil lehnt die Bezahlung der Blutapherese ab.

WENNIGSEN. Corinna Minsch (28) aus Wennigsen ist für die Medizin ein Rätsel. Die Krankheiten der jungen Frau füllen mühelos ein Blatt Papier: Morbus Crohn (chronische entzündliche Darmerkrankung), Morbus Bechterev (chronische entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule), Willebrand-Syndrom (Blutgerinnungsstörung), Fatigue-Syndrom (chronisches Erschöpfungssyndrom), Unterfunktion der Nebenschilddrüse, ein Immundefekt (IGG3-Mangel). Hinzu kommen gynäkologische und neurologische Erkrankungen sowie ein gestörter Vitamin-Stoffwechsel. „Die Ärzte vermuten eine genetische Ursache für meine Leiden“, sagt Corinna Minsch.

Eine Fachärztin stellte bei ihr eine genetische Veränderung (Mutation) fest. Doch statt Antworten gab es neue Fragen. „Diese Mutation sei weltweit in der Fachliteratur nicht aufgeführt, sagten mir die Mediziner“, berichtet die 28-Jährige. Nicht einmal die MHH-Stoffwechsel-Ambulanz konnte eine Diagnose stellen.

Corinna Minsch, gelernte Pharmazeutisch-technische Assistentin, ist zur Ärztin in eigener Sache geworden. In dem Bücherregal ihrer Wohnung steht der „Pschyrembel 2013“. In dem dicken Handbuch sind die rund 25 000 Krankheiten beschrieben, die derzeit bekannt sind. Doch all das Wissen kann ihr nicht helfen: Medikamente, Ernährungstherapien und Vitamininfusionen brachten allenfalls kurzfristige Verbesserungen. „Von einem Medikament habe ich ein Magengeschwür bekommen“, erzählt Corinna Minsch. Infekte, die andere Leute einfach abschütteln, nehmen bei der 28-Jährigen wegen des Immundefekts einen langwierigen, schweren Verlauf.

Im August 2015 schöpfte sie Hoffnung. Ihr Hausarzt hatte ihr eine Blutapherese (Blutwäsche) empfohlen. „Ich fühlte mich danach deutlich besser. Ich hatte mehr Energie, mehr Muskelkraft und Beweglichkeit“, erzählt die tapfere Patientin. Weil im Blut der jungen Frau erhöhte Schwermetall-Werte festgestellt wurden, hatte ihr Arzt die Blutwäsche empfohlen. Ein Verfahren, das in der Umweltmedizin und bei Autoimmunerkrankungen bei austherapierten Patienten eingesetzt werde, so ihr Arzt. Die Apherese ist ein bekanntes Verfahren, es wird zum Beispiel bei nierenkranken Menschen in Form einer Dialyse angewandt.

Doch derzeit muss Corinna Minsch mit der teuren Therapie (1700 Euro pro Apherese) aussetzen, die positive Wirkung hat bereits nachgelassen. Ihre Kasse, die Betriebskrankenkasse (BKK) Mobil Oil, bezahlt die Therapie nicht. „Frau Minsch wird von einem Arzt für Naturheilverfahren betreut, der eine Apherese-Behandlung empfohlen hat. Wir haben die Kostenübernahme abgelehnt, weil es sich bei der Therapie um eine individuelle Gesundheitsleistung handelt“, sagt Lena Prinz, Sprecherin der BKK Mobil Oil. Bislang haben die Eltern von Corinna Minsch, die von So-zialhilfe leben muss, die Therapie bezahlt. Doch deren Geld ist jetzt aufgebraucht. Die Antwort der BKK Mobil Oil auf die NP-Anfrage wirft neue Fragen auf. Zum einen erweckt die Bezeichnung „Arzt für Naturheilverfahren“ den Eindruck, dass sich der Therapeut ohne Kassenzulassung auf Alternativmedizin spezialisiert habe. In Wahrheit handelt es sich um einen Hausarzt mit naturheilkundlicher Zusatzausbildung – selbstverständlich mit Kassenzulassung. Und in der Begründung für die Notwendigkeit der Therapie schrieb er, dass die junge Frau „austherapiert“ sei.

Das ist meilenweit von einer individuellen Gesundheitsleistung (IGeL) entfernt, es entspricht eher einem „Off-Lable-Use“: der Anwendung einer Therapie außerhalb des Leistungskataloges der gesetzlichen Krankenkassen (siehe Stichworte). Dafür müsste die Kasse unter bestimmten Voraussetzungen zahlen.

Für weitere Details verwies die BKK auf das Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Die NP könne ja bei Frau Minsch Einblick in das Gutachten nehmen. „Ich habe nie ein Gutachten vom MDK erhalten. Nur in der Ablehnung meines Widerspruchs ist die Rede davon“, sagt die junge Frau. Sie hat Klage vor dem Sozialgericht eingereicht. Ihre Situation ist ernst. Wegen ihrer Darmerkrankung droht ihr eine Operation. „Ich gelte nicht als OP-fähig“, sagt sie. Zum einen, weil sie körperlich zu schwach ist, zum anderen, weil sie Medikamente kaum verträgt. Hinzu kommt, dass die Blutgerinnungsstörung jeden Eingriff gefährlich und sehr teuer macht. Aber auf diese Nöte meint die BKK Mobil Oil keine Antworten geben zu müssen.

 


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Wennigsen ist ...

  • ... eine Gemeinde im Calenberger Land mit acht Ortsteilen und 14.000 Einwohnern.
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  • ... in die deutsche Geschichte eingegangen, weil dort 1945 die SPD wiedergegründet wurde.
  • ... Heimatort von Adolph Freiherr Knigge.
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