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Gericht

Amtsgericht spricht Pflegerin frei

Hat eine 45-jährige Altenpflegerin eine Seniorin (87) zu Tode gefüttert? Über diesen schrecklichen Vorwurf musste Amtsrichter Ingo Flasche gestern in Wennigsen verhandeln.

Wennigsen. Fest steht, dass die Angeklagte am 27. März 2015 im Brigittenstift in Barsinghausen die 87-Jährige versorgt hatte. „Sie hatte die Augen zugemacht. Das war das Zeichen, dass ich mit dem Anreichen der Nahrung aufhören sollte“, so die Pflegerin. Die Seniorin war schwer dement, hatte eine Schlaganfall gehabt und litt unter Schluckbeschwerden. Die Kommunikation sei schwierig gewesen. Laut Anklage soll die Pflegerin die Seniorin nur zu 50 Prozent im Bett aufgerichtet haben, anstatt zu 90 Prozent. „Hätte die Angeklagte den Schluckvorgang bei der Patientin abgewartet, wäre der Tod vermeidbar gewesen“, so die Anklage. Deshalb musste sich die Pflegerin wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Tod durch Nahrungsbrei.

Dass sie sich vor Gericht wiederfand, hatte sie in erster Linie ihrer Kollegin (39) zu verdanken. „Ich hörte, wie sich die Frau verschluckte. Dann hörte ich zehn Sekunden nichts mehr. Ich drehte mich um. Die Patientin war blau und hatte die Schnabeltasse noch im Mund“, sagte die 39-Jährige gestern aus. Die Angeklagte habe das nicht bemerkt.„Sie war wohl mit den Gedanken woanders“, sagte die Zeugin.
Richter
Flasche sprach die Angeklagte frei. Denn er hatte Zweifel, ob die belastende Aussage stimmte. Die Vorgesetzte (58) der Frauen sagte aus: „Das Verhältnis zwischen ihnen war schwierig. Sie wollten nicht miteinander arbeiten.“ Es sei immer wieder zu gegenseitigen Vorwürfen gekommen: „Die beiden waren nicht in der Lage, das untereinander zu klären.“ Auf die Angeklagte sei aber immer Verlass gewesen. Ein weiterer Kollege erklärte zu dem tragischen Todesfall: „Das hätte jedem passieren können, bei mir hat sich die Seniorin auch mehrmals verschluckt.“

Richter Flasche erklärte, dass er zu große Zweifel an der Schuld der Angeklagten habe. „Ich kann nicht ausschließen, dass sich die Zeugin die Aussage zurechtgelegt hat, um der Angeklagten zu schaden.“ Die Angeklagte sagte unter Tränen: „Mir liegt jede Patientin am Herzen.“ Sie arbeitet nicht mehr im Brigittenstift. Nach dem Vorfall wurde ihr gekündigt. Sie hat einen neuen Job.

von Thomas Nagel


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