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Foto: Die Besucher erleben auf dem Fuchsbau-Festival eine besondere Atmosphäre.

Die Besucher erleben auf dem Fuchsbau-Festival eine besondere Atmosphäre.© Kutter

Musik, Kunst und Diskussionen

Fuchsbau-Festival durchbricht die Grenzen

Festivals sind längst Mainstream geworden. Das Fuchsbau-Festival in Lehrte durchbricht jedoch die Grenzen des Üblichen. Dort gibt es neben Musik auch Kunst, Lesungen, Filmvorführungen und jede Menge Diskussionen - über das Leben und Politik, aber auch über den Auftritt der Jungen Norddeutschen Philharmonie.

Lehrte. Alle rennen los, in Gummistiefeln und Regenjacken, mit Blumen im Haar und Glitzer im Gesicht. Denn: Sommerzeit heißt Festivalzeit. Und Festivals sind inzwischen wie Tattoos längst Mainstream geworden. Mit Wacken, Hurricane oder Reeperbahn lassen sich schon lange keine außergewöhnlichen Geschichten erzählen. Das Fuchsbau-Festival in Lehrte hingegen versucht in seinem fünften Jahr, diese Strukturen aufzubrechen. Und irgendwie gelingt es ihm tatsächlich.

Unter dem Motto „Die Hitze des Gefechts“ bot es an diesem Wochenende auf dem überschaubaren Zytanien-Gelände Kunst, Lesungen, Filmvorführungen, Musik und jede Menge Diskussionen an. Auch im Sitzkissenkreis war das möglich - die Schuhe mussten vor dem Teppich freilich ausgezogen werden, damit das Wohnzimmergefühl so richtig ankam. Zentral waren dabei die Fragen: Wie wollen wir leben und streiten und welche Ausdrucks- und Protestformen kann es geben? Das Programm ließ ein Publikum jenseits der 30 erwarten, vorwiegend Akademiker, doch weit gefehlt: Bunt, jung und trendig ging es dort zu, mit über 4500 Menschen brachte das Festival Electro-Beats-Anhänger mit Geisteswissenschaftlern, jungen Idealisten und dem gängigen Festival-Besucher zusammen – und es zeigte, dass sich nichts davon ausschließt.

Strukturen aufbrechen, Grenzen erweitern, Genres vermischen - der postmoderne Gedanke zog sich durch das gesamte Programm: Globalisierung war Thema, Digitalisierung und Hate Speech im Internet, Gender-Diskurse wurden in Filmen angerissen und man fragte, wie und wofür man 2017 kämpfen wolle. Das Festival als hedonistischer Place-to-be wurde erweitert zu einer Art Symposium, bei dem vor allem Politik und Gesellschaft wieder ins Zentrum rückten.

Das erinnerte in Teilen dann doch an jene Zeit, in der Festivals noch politisch ambitionierte Sänger wie Woody Guthrie, Pete Seeger und schließlich Bob Dylan auf die Bühne brachten, die Folk mit Poesie und politischem Aktionismus verbanden. Längst ist die Musik nicht mehr so aufgeladen, die Genres haben sich aufgefächert, spielen formell miteinander. Das Fuchsbau-Festival nimmt beides auf: politischen Aktionismus ebenso wie das Durchmischen der Genres.

Bevor nachts DJs und Electro-Bands wie Me and My Drummer die Massen zur körperlichen Katharsis von all dem Theoretisieren brachten, spielte zuvor noch in einer heruntergekommenen Fabrikhalle die Junge Norddeutsche Philharmonie. Und sie spielte ein Stück („Tout un monde lointain“) von Henri Dutilleux, einem recht unbekannten modernen Komponisten. Die Musiker trugen T-Shirts und kurze Hosen gleich dem Publikum, das eng, auf Augenhöhe und dicht gedrängt in der Schwüle eine gute Stunde lang, teilweise im Stehen, lauschte. Nach dem fulminanten Applaus suchte der Dirigent Christoph Altstaedt den Dialog mit dem Publikum. Die Gemüter trennen sich: Die einen fanden es besonders „emotional“, andere durchaus „kompliziert“. Als einer zugab, er musste vor allem „durchhalten“, folgte Applaus. Und dennoch: Die Besucher haben sich dem ausgesetzt und zugehört. Auch hier ein Durchbrechen der Grenzen und der Wille zur Auseinandersetzung.

Bleibt zu hoffen, dass es im nächsten Jahr wieder auf dem passenden Gelände stattfinden kann. Denn von Seiten des Kulturdezernenten Harald Härke gab es im vergangenen Jahr Bestrebungen, das Festival in die Herrenhäuser Gärten zu bringen. Mitorganisator Christoffer Horlitz findet, mit dem Gastauftritt im Juni sei das Festival dort gut vertreten gewesen. „Und jetzt schon über 2017 zu reden, ist noch zu früh“, sagt er. Aber nach dem Festival ist bekanntlich vor dem Festival.

Von Katharina Derlin


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Lehrte ist ...

  • ... eine Stadt östlich von Hannover mit mehr als 43.000 Einwohnern.
  • ... 2009 zu Niedersachsens fahrradfreundlichsten Kommune gewählt worden.
  • ... eine Stadt mit langer Eisenbahnertradition.
  • ... Heimat des Blues-Festival, bei dem neben regionalen Bands auch internationale Musiker auftreten.
  • ... 6x pro Woche Thema im Anzeiger, die als Heimatzeitung in Lehrte der Neuen Presse beiliegt. Im Abo und am Kiosk - ohne Mehrkosten.
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