Navigation:

Wolfgang Kuschel hält eine Rede bei seiner offiziellen Verabschiedung an der IGS Langenhagen.© Bismark

Interview mit Wolfgang Kuschel

„Widerspruch bringt Dinge voran“

Nach fast 25 Jahren als IGS-Leiter geht Wolfgang Kuschel in den Ruhestand. Im Interview mit Antje Bismark blickt er auf seine Arbeit zurück und schaut in die Zukunft „seiner“ Schule.

Wenn Sie Ihre Amtszeit mit fünf Wörtern beschreiben sollen: Welche würden Sie wählen?
(Hmm … schwierig, in fünf Worten …) Unendlich vielfältige Kontakte mit Menschen, pulsierender Wechsel und bunte Vielseitigkeit, fantastische Zusammenarbeit mit Lehrern, Eltern und Schülern, ständige Raumnot, erfolgreicher Kampf um Anerkennung der IGS.

Warum diese Einschätzung?
Ich hätte mir wohl kaum einen vielfältigeren Beruf als den des Schulleiters auswählen können. Denn es gibt kaum etwas Spannenderes, als mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten, zu streiten und an einer gemeinsamen Sache wirken zu können. Kein Tag war wie der andere. Ich habe wunderbare Menschen kennenlernen dürfen. Natürlich auch die gottlob unendlich kleinere Kehrseite: Niedertracht und Verschlagenheit, Letzteres eher in den Anfangsjahren. Die riesengroße Bereitschaft von Eltern, Lehrern und Schülern, sich für diese Schule gemeinsam einzusetzen, hat mich immer wieder berührt.

Bei Ihrem Start war die IGS längst nicht so etabliert wie heute.
Nein, aber der Erfolg, den wir bei dem Kampf um die Anerkennung der meist aus Unkenntnis, manchmal auch aus Dummheit und Borniertheit verkannten Schulform IGS erzielt haben, ist ein tolles Resultat am Ende meines Berufslebens. Dazu gehört auch, was wir im siebenjährigen Einsatz gegen die elende Raumnot in dieser reichen Stadt mit dem Bau des neuen Mensatraktes und dem Umbau der alten Mensa erreicht haben – auch wenn wir in den Gesprächen mit dem Schulträger jetzt bisweilen das Gefühl haben, nach dem Brandschutzdesaster fast wieder am Anfang zu stehen.

Welche Veränderung an der IGS war für Sie die wichtigste?
Die nachhaltigste Veränderung war wohl die Einführung der Eigenverantwortlichen Schule, weil sie das Berufsbild Schulleiter völlig verändert hat. In den letzten Jahren fühlte ich mich manchmal wie ein Arbeitssklave, der unter hohem Termindruck unentwegt mit Einstellungen, Beurteilungen und Bewährungsfeststellungen befasst war. Gleichwohl war die Einführung richtig. Für die Lehrkräfte und den Unterrichtsalltag werden sich mittelfristig der Wandel zu Formen des individuellen Lernens, die Inklusion und die Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen als nachhaltigste Veränderungen erweisen. Alles gute Veränderungen.

Und welche war überflüssig?
Die Loveparade-Katastrophe von Duisburg 2010 wurde zur großen Stunde der Absicherungsbürokraten. Nach einer eher laxen Handhabung der sogenannten Gefährdungsbeurteilung vor Veranstaltungen kippte man in Langenhagen das Kind mit dem Bade aus: Unsere Arbeit wird seitdem durch kleinlichste bürokratische Verfahrensweisen behindert.

Über Jahre bestand die IGS als einzige im Norden der Region. Nun entstehen weitere Gesamtschulen. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Positiv. Die IGS ist heute mehr denn je die Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem. Selbst wenn es lediglich dazu kommen sollte, dass wir irgendwann in Langenhagen mit der Gesamtschule und dem Gymnasium nur noch zwei Schulformen haben, die beide zum Abitur führen, ist das ein Gewinn gegenüber dem selektiven System, von dem sich fast alle Staaten der Welt aus gutem Grund verabschiedet haben.

Sehen Sie auf Dauer die jetzige IGS gefährdet?
Nein. War es in den Achtzigerjahren gut ein Drittel aller Langenhagener, die ihr Kind an der IGS anmeldeten, so sind es seit 2010 durchschnittlich knapp 60 Prozent, die die IGS Langenhagen für ihr Kind wünschen. Die alte IGS ist in der Stadt so stark verankert, dass ich sie nicht für gefährdet halte. Gefährlich ist für die Schulform IGS insgesamt und zunächst vor allem für die junge zweite IGS, dass der Schulträger in Langenhagen ausschließlich die Hauptschule abgeschafft hat. Das bringt eine Unwucht in das Schulsystem, aus der man nur herauskommt, wenn Langenhagen auf eine Zweisäuligkeit aus IGS und Gymnasium setzt. Die Realschule wollte auch IGS werden. Man sollte sie beim Wort nehmen.

Im Schulzentrum existieren mit dem Gymnasium und der IGS zwei Schulformen unter einem Dach. Beide bekommen nun neue Schulleiter. Ergeben sich daraus neue Chancen?
Ja! Ich habe es immer wieder in internen Gesprächen und öffentlich gesagt. Die Zusammenarbeit könnte um ein Vielfaches besser sein. Zu Zeiten des Schulleiters Gerhard Menke waren wir in der Zusammenarbeit viel, viel weiter. Ich habe die Zurückhaltung des Gymnasiums immer sehr bedauert. Mehr Kooperation ist überfällig. Beide neuen Schulleiter kommen nun von Gesamtschulen. Da wird es eine gemeinsame Ebene geben.

Ist eine solche Verschränkung, zum Beispiel bei der Oberstufe, in Zukunft notwendig?
Auf jeden Fall. Unsere Schüler haben ein möglichst breites und besseres Angebot vor allem in der Oberstufe verdient. Wie das in den letzten Jahren gelaufen ist, ist fahrlässig. Wir haben im Schulzentrum fantastische Möglichkeiten der Kooperation, ohne unser jeweils eigenes Profil aufgeben zu müssen. Als ersten Schritt könnte man die Praxis der Vergangenheit reaktivieren, für die Fächer gemeinsame Kurse anzubieten, für die sich an einer der Schulen nicht genug Schüler melden.

Schule entwickelt sich stetig. Wo sehen Sie denn die IGS in fünf Jahren?
Weiterhin als die stärkste Bildungseinrichtung der Stadt, von der die Eltern wissen, dass ihre Kinder dort nicht gedemütigt und nach bestem Wissen und Gewissen gefördert werden. Weiterhin als Motor einer kompromisslos schülerorientierten Pädagogik. Die Inklusion ist selbstverständlich geworden. Lehrkräfte, Eltern und Schüler ziehen immer noch an einem Strang. Die Schule ist internationaler geworden und bezieht gerade ein Gebäude, das neben den Unterrichtsräumen Lernlandschaften und Flächen mit hoher Aufenthaltsqualität bietet. In der neuen, 600 Sitzplätze umfassenden Aula ist endlich ausreichend Platz.

IGS-Schüler gelten als besonders streit- und demonstrationsfreudig. Teilen Sie die Einschätzung?
Darüber habe ich mich immer sehr gefreut. Ich bin stolz darauf, dass unsere Schüler genauso wie unsere Eltern den Geist des Widerspruchs pflegen, der die Dinge voranbringt.

Gibt es im Rückblick einen Schüler, der sich nachhaltig bei Ihnen eingeprägt hat?
Da gibt es viele: Christian in seinem Rollstuhl, der so tapfer gegen seine tödliche Krankheit ankämpfte, der kleine dicke Pascal, der nur verträumt seine Computerspiele spielte und dann so anrührend ein Solo beim Weihnachtskonzert sang, Luica und Inga, wahre Kämpferinnen gegen Raumnot und für IGS-Ideen, das Multitalent Kolja, Hendrik Beckers Theatermädchen Paula und Nicola, die uns den Alltag verzauberten, und viele andere mehr.

Interview: Antje Bismark

Zur Person

Nach seinem Abitur in Hildesheim studierte Wolfgang Kuschel in Freiburg und Göttingen Geschichte, Politikwissenschaft und Philosophie. 1976 begann er als Referendar am Studienseminar Wilhelmshaven. Dort erhielt er 1978 seine erste Lehrerstelle, wechselte 1989 an die Robert-Bosch-Gesamtschule nach Hildesheim und zwei Jahre später an die IGS Langenhagen. Der zweifache Vater engagierte sich landesweit in schulpolitischen Gremien und als Ratsherr in der Kommunalpolitik.

Die Spannbreite der Hobbys reicht von Radtouren über Reisen nach Italien und die Vorliebe für die italienische Sprache bis hin zum Lesen historischer Bücher und dem Schreiben der Familiengeschichte.  


Anzeige

Langenhagen ist ...

  • ... eine Stadt nördlich von Hannover mit mehr als 53.000 Einwohnern
  • ... eine Wirkungsstätte von Nobelpreisträger Robert Koch
  • ... ein Zentrum des Polo-Sports und Heimat der hannoverschen Pferderennbahn
  • ... Standort von einem der größten Verkehrsflughäfen Deutschlands
  • ... die Stadt, in der RAF-Mitglied Ulrike Meinhof 1972 verhaftet wurde
  • ... 6x pro Woche Thema in der Nordhannoverschen Zeitung, die als Heimatzeitung in Langenhagen der Neuen Presse beiliegt. Im Abo und am Kiosk - ohne Mehrkosten.
Ihre Region
° °
%
km/h
° °
%
km/h
° °
%
km/h
° °
%
km/h