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Paul Glockzin und Mutter Alexandra inmitten ihrer Zebu-Herde.

Paul Glockzin und Mutter Alexandra inmitten ihrer Zebu-Herde.© Gerner

Engensen

Zwölfjähriger Landwirt züchtet Zebus

Sie heißen Brauni, Resi und Leontine und grasen auf einer Weide in Engensen. Mit ihren spitz nach außen stehenden Hörnern und dem Buckel sehen sie anders aus als heimische Kühe und Bullen. Bei den Rindern handelt es sich um Zebus, die üblicherweise in Indien und weiten Teilen Afrikas vorkommen.

Engensen. Auch derjenige, der sich um die Herde kümmert, ist kein gewöhnlicher Landwirt: Paul Glockzin versorgt die Tiere, sieht regelmäßig nach dem Rechten, wendet Heu und presst die Ballen - und das mit gerade einmal zwölf Jahren. Er war es auch, der zusammen mit seiner Mutter Alexandra die Herde aufgebaut und die Lust der Familie an der Landwirtschaft geweckt hat.

Mit Pferd Erna fing alles an. "Wir waren vor einigen Jahren von Engensen in die Lüneburger Heide gezogen. Da wohnten wir auf einem Bauernhof in Garlstorf. Auch unsere beiden Pferde standen da. Nach dem Tod des einen Pferdes war Stute Erna einsam und brauchte dringend Gesellschaft", erzählt Alexandra Glockzin. Auf der Suche nach einem Beistellpferd landete die zweifache Mutter bei einer Kuh und ihrem Kälbchen. "Die nahmen wir mit und probierten es aus, wie die drei miteinander klar kommen." Stute Erna reagierte entzückt, Sohn Paul und Tochter Marie ebenso. Die Leidenschaft für Nutztiere war geweckt. "Die Tierhaltung machte uns richtig Spaß, und wir bemerkten, dass wir einen guten Draht zu den Tieren hatten."

Nach und nach schaffte sich die Familie immer mehr Tiere an. Bald liefen Schweine und Hühner über ihren Hof und gaben dem Leben der Glockzins eine Wendung. Aus Mutter Alexandra, die im kaufmännischen Bereich tätig ist, wurde eine Klein-Landwirtin - und aus Sohn Paul ebenso. Das Fachwissen eigneten sie sich mit Hilfe von  Bekannten, Fernsehreportagen und Fachlektüre an. "Und viel lernt man auch im Umgang mit den Tieren", fügt Paul hinzu. Er bemerkte beispielsweise, dass die Hühner morgens immer nicht so früh den Stall verlassen wollten. "Da wusste ich: Da ist es ihnen noch zu kalt. Und in der Dunkelheit haben sie Angst vor dem Fuchs."

Zebus sah Paul zum ersten Mal bei einem Bekannten auf der Weide. Die Tiere eroberten sein Herz. "Ich finde sie einfach schön mit ihrem Buckel und den Hörnern", schwärmt er. Der Bekannte wollte die Tiere verkaufen, Paul wollte gern weitere Rinder haben - und versicherte, sich um die Tiere zu kümmern. So kam es, dass seine Eltern ihm vor zwei Jahren die ersten drei Zebus kauften.

Anfang dieses Jahres kehrte Familie Glockzin wieder zurück nach Engensen - und die Tiere kamen selbstverständlich mit. "Der Ortsbürgermeister half uns, eine Weidefläche zu finden. Und auch über unser Haus und den großen Garten für die Hühner sind wir sehr glücklich", sagt Alexandra Glockzin. Dort befindet sich der mobile Hühnerstall mit Innen- und Außenbereich, der den Hühnern viel Auslauf garantiert.

Pauls Enthusiasmus für die Landwirtschaft ist weiterhin ungebrochen. Nach der Schule mistet er mit seiner Mutter Ställe aus, wendet Heu, repariert Zäune, holt Eier und kontrolliert die Tiere. Jeden Abend um 18 Uhr füttert er die Zebus mit getrocknetem Brot, Möhren und Äpfeln. "Aber sie lieben auch das saftige Gras in Europa. Aus ihrer Heimat kennen sie nur trockenes Gras. Das hier gibt ihnen viel Energie", weiß Paul.

Es bedeutet viel Arbeit, so einen landwirtschaftlichen Betrieb neben dem üblichen Beruf zu führen. "Doch für mich ist das nach der Arbeit Entspannung", sagt Alexandra Glockzin. Unterstützt werden Mutter und Sohn von etlichen Freunden von Paul, für die die Landwirtschaft die liebste Freizeitbeschäftigung ist. "Wenn die Jungs nicht hier auf dem Hof helfen, packen sie woanders mit an", weiß Pauls Mutter. Auch Pauls kleine Schwester Marie übernimmt mit sechs Jahren schon Aufgaben. "Auf sie hören die Hühner am besten, deshalb treibt sie sie abends in den Stall", weiß Pauls Freund Tom Müller (10).

Tom, Paul und Marie nehmen wie selbstverständlich die Hühner auf den Arm und streicheln sie. Paul öffnet auch das Gatter und geht zu den Zebus auf die Weide. Die Kälbchen, Bullen und Kühe stupsen ihn sanft an und fressen ihm die Möhren aus der Hand. Für Streicheleinheiten sind sie sehr empfänglich. Man könnte fast vergessen, dass sie spitze Hörner haben. Paul weiß: "Eigentlich sind Zebus als sehr bockig bekannt. Doch wenn man sich mit ihnen beschäftigt, können sie sehr zutraulich werden."

Das will er demnächst auf der Masterrind-Ausstellung in Verden zeigen. Der Verband für Rinderzucht und -vermarktung organisiert regelmäßig Schauen, auf denen Rinder präsentiert und prämiert werden. "Wir haben da angefragt, ob wir auch ein Zebu vorführen dürften", sagt Pauls Mutter. "Die waren begeistert. Das wäre nämlich das erste Mal." Paul weiß, dass er bis dahin mit dem Bullen Bruno noch kräftig üben muss. Auf der Schau gilt es zu beweisen, dass das Tier zahm und halfterführig ist. Aber der Siebtklässler ist zuversichtlich: "Bruno war von Geburt an sehr lieb." Seine Schwester Marie pflichtet bei: "Der hat uns immer schon am Finger oder an der Hose abgeschleckt, wenn wir in den Stall kamen." 

Seit er die Zebus hat, ist Paul nicht mehr in den Urlaub gefahren. Das vermisst er nicht. Mit Schule, Fußball- und Schützenverein und der Verantwortung für die Tiere ist seine Zeit ausgefüllt - und damit fühlt er sich wohl. Den Kreislauf von Leben und Tod bekommt der Gymnasiast durch die Tiere hautnah mit. Kälbchen werden geboren, Bullen werden geschlachtet. Das Fleisch verkaufen Mutter und Sohn - und essen es auch selbst. Paul schwärmt: "Das Zebu-Fleisch ist ganz hochwertig, weil es so cholesterinarm ist." Dass er die Tiere gekannt hat, die er selbst verzehrt, macht Paul nichts aus: "Mir schmeckt es einfach besser, wenn ich weiß, dass die Tiere gut gelebt und sich gut ernährt haben." Diese Einstellung ist eine gute Voraussetzung für seinen Berufswunsch. Paul sagt: "Ich möchte auf jeden Fall Landwirt werden." Wenn man ihn erlebt, zweifelt man keine Sekunde daran, dass er das auch umsetzen wird.

Von Gabriele Gerner


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