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Die Gleichstellungsbeauftragte Sandra Ahnen hat das Mentoringprojekt geleitet.

Die Gleichstellungsbeauftragte Sandra Ahnen hat das Mentoringprojekt geleitet.© Bahl

Burgwedel

Von Frau zu Frau zurück in den Beruf

Für die städtische Gleichstellungsbeauftragte Sandra Ahnen war es das erste große Projekt: Mit dem Ziel, Frauen mit und ohne Migrationshintergrund auf ihrem Weg zurück in den Beruf zu fördern und zu unterstützen, startete im September 2013 die Aktion „Potenzial durch Vielfalt“.

Burgwedel. Acht Tandems mit jeweils einer Berufsrückkehrerin und einer erfahrenen Mentorin fanden sich. Workshops zu den Themen Bewerbung und Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, Existenzgründung, Rhetorik sowie interkulturelles Training folgten. „Wir hatten sieben Nationen dabei“, sagt Ahnen erfreut. „Und das Fazit fällt positiv aus.“ Viele der Frauen seien ihren beruflichen Zielen einen großen Schritt näher gekommen, alle Mentorinnen sind zu einer zweiten Runde in zwei Jahren bereit. Warum nicht nächstes Jahr? „Da gibt es vom Land ein Programm zum Thema ,Frauen in die Politik‘“, sagt Ahnen. Dafür hat sie auch Pläne.

Judith Eggers und Julieta Beine

Julieta Beine ist 37 Jahre alt, hat drei Kinder, ist gebürtige Mexikanerin und seit 14 Jahren in Deutschland. An der Universität hat sie Spanisch studiert und für die Volkshochschule Sprachkurse als Dozentin geleitet. Aber was sie künftig mit ihrem Berufsleben anfangen wollte, das wusste sie bis September vergangenen Jahres nicht. „Mein Ziel war es herauszufinden, was ich machen möchte“, erinnert sich Beine an ihre Motivation, beim Mentoringprojekt der Stadt Burgwedel mitzumachen. Wie die deutsche Arbeitskultur funktioniert, wie man ein schlüssiges Konzept erarbeitet und auch mit dem richtigen Ton Gehaltsverhandlungen führt, das hat ihr die 58-jährige Judith Eggers beigebracht, die selbstständig als Beraterin für Existenzgründer arbeitet. „Die Zusammenarbeit war für mich ein Blick in eine andere Welt, eine ganz andere Kultur“, sagt Eggers. Jeden Monat telefonierten die Frauen, trafen sich, tauschten E-Mails aus. „Wir haben nicht Kaffee getrunken, sondern gearbeitet. Julieta hat auch Hausaufgaben aufbekommen“, beschreibt die Mentorin. Nicht selten sei Beine mit Bücherstapeln nach Hause gegangen. Am Ende war die Lösung ein Wunsch, den Beine einmal unserer Zeitung offenbart hatte: einen Kursus für Migrantinnen in Burgwedel zu leiten. Integration zu fördern, das interessiert und begeistert die 37-Jährige. Gemeinsam erarbeitete sie mit ihrer Mentorin ein Konzept für einen interkulturellen Kursus in Kooperation mit Stadt und Volkshochschule – mit Erfolg: Im Juni begann der Kursus. Eine Fortsetzung ist bereits fest in Planung, gemeinsam mit Eggers.

Suzanne Walter und Juliane Drell

Juliane Drell ist 36 Jahre alt und Mutter eines zweijährigen Sohnes. Bevor sie sich für eine dreijährige Elternzeit entschied, war sie in Vollzeit im Außendienst eines Batterieherstellers beschäftigt. „Ich kannte es nicht anders, als montags bis freitags quer durch Deutschland zu reisen und im Hotel zu schlafen“, sagt sie. Jetzt, ein halbes Jahr vor der Rückkehr in den Beruf, galt es daher, sich und seine Ziele neu zu definieren. „So ein Berufsalltag geht ja gar nicht mit Kind“, sagt Drell. Das Mentoringprojekt brachte ihr eine willkommene Unterstützung. An ihre Seite trat die 61-jährige Burgwedelerin Suzanne Walter, die hauptberuflich Personalabteilungen in größeren Unternehmen berät. „Es war für mich wirklich interessant, einmal die Perspektive der Mütter kennenzulernen, ihre Sorgen und Wünsche“, sagt Walter über die zehnmonatige Beratung von Juliane Drell. Gemeinsam wurden der Lebenslauf der jungen Mutter besprochen und eine Perspektive für die Rückkehr in den Beruf erarbeitet. „Am Anfang hat Juliane nur über die Vergangenheit gesprochen. Dann haben wir die Zukunft gestaltet“, erinnert sich Walter an die Gespräche und Treffen. Die gefundene Lösung: Ein Trainerschein, der Drell dazu berechtigt, Schulungen für ihren Betrieb anzubieten. Im Fernstudium lernt Drell aktuell noch für das Zertifikat. „Im Oktober habe ich das Gespräch mit meinem Arbeitgeber, wie es ab Februar weitergehen soll“, sagt Drell. Sie ist zuversichtlich, mit der neuen Qualifikation Familie und Beruf vereinbaren zu können. „Das Projekt hat mir viel gebracht.“

Kommentar: Frischer Wind

Überrascht waren viele, als Burgwedels Ex-Bürgermeister Hendrik Hoppenstedt Ende 2012 mit Sandra Ahnen eine erst 25-jährige Berufsanfängerin ins Amt der Gleichstellungsbeauftragten hob. Wie sollte eine so junge Frau bloß der Aufgabe gerecht werden, hieß es – mal abgesehen von jenen, die den Nutzen von Gleichstellungsbeauftragten an sich anzweifeln. 20 Monate später ist man schlauer: Der von Hoppenstedt prognostizierte „frische Wind“ weht kräftig. Ahnen bringt Ideen auf, hat Erfolge zu vermelden und dem Thema Gleichstellung ein Gesicht gegeben. Auch ihr Mentoringprojekt zeigt nun, was moderne Gleichstellungsarbeit konkret leisten kann.

Von Carina Bahl


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Burgwedel ist ...

  • ... eine Stadt im Nordosten von Hannover, die aus sieben Stadtteilen besteht und mehr als 20.000 Einwohner hat
  • ... schuldenfrei (!)
  • ... die Heimat von Martin Kind, Präsident von Hannover 96
  • ... Sitz der Drogeriemarktkette Rossmann
  • ... Geburtsort von Schauspielerin Bettina Zimmermann
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