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Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann und Propst Martin Tenge.© Nigel Treblin

Kirchensterben

Ist Gott auf dem Rückzug?

Hannovers Bevölkerung wächst, aber die beiden großen Kirchen schließen Gotteshäuser. Wie sieht die Zukunft von Lutheranern und Katholiken in der Landeshauptstadt aus? Die NP hat die Spitzenmänner beider Kirchen an einen Tisch geholt. Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann
(evangelisch) und Propst Martin Tenge (katholisch) sprachen mit NP-Redakteur Dirk Altwig über Sparzwänge und neue Ideen.

Sonnabend wird die nächste katholische Kirche in Hannover geschlossen, für weitere ist das geplant. Alle evangelischen Kirchen, die nach dem Krieg gebaut wurden, stehen auf dem Prüfstand. Die Bevölkerung in Hannover wächst, aber Gott scheint auf dem Rückzug zu sein?
Hans-Martin Heinemann: Gott ist ganz eindeutig nicht auf dem Rückzug. Er hat neue Namen dazubekommen. Und seine Gegenwart war nach evangelischem Verständnis noch nie alleine an eine einzige Form gebunden. Schon gar nicht alleine an Häuser oder Zahlen.

Nicht mal mehr die Hälfte der Bevölkerung Hannovers ist noch evangelisch oder katholisch. Eine riesige Zahl von Menschen gehört keiner Religion an, weder der christlichen noch der jüdischen oder muslimischen.
Martin Tenge: Es gibt noch das Bild von der Volkskirche, zu der noch 90 Prozent der Menschen gehören, aber hier in Hannover gibts das nicht mehr. Ziel der Kirche muss nicht mehr sein, dass alle Mitglied sind und in den Gottesdienst gehen. Aber es ist Aufgabe der Kirche, mitzugestalten und für die ganze Gesellschaft den Finger in die Wunde zu legen, wo es nötig ist, auch als relativ kleiner Haufen.
Heinemann: In der NS-Zeit war die Mitgliederzahl viel höher. War die Kirche da besser? Wir hängen immer diesen Erfolgsvisionen von „groß“ und „viel“ nach – aber, um ein Beispiel zu nennen, die wichtige Seelsorge, die wir leisten, die ist unsichtbar.

Aber die Entwicklung kann Sie doch nicht zufriedenstellen. Die Kirchen schicken Missionare nach Afrika, und hier werden immer mehr Gotteshäuser geschlossen ...
Heinemann: Der Begriff Mission ist natürlich belastet. Aber ja, wir beginnen langsam, uns damit zu befassen, auch wenn wir noch Schwierigkeiten haben, Deutschland als Mis-sionsland zu sehen.

In Großbritannien werden Gemeinden aus dem Nichts aufgebaut. Eine Handvoll Leute engagiert sich gezielt dort, wo Menschen Hilfe brauchen. Ein Vorbild für Hannover?
Tenge: Das ist genau das Bild. Die Kirche muss gucken, wo ist Not, wo werden wir gebraucht. Wir sind im Moment noch stark dabei, die Besitzstände zu bewahren, die Stimmungslage ist noch so: „Uns wird alles weggenommen und bricht zusammen.“ Wir müssen jetzt durch schmerzliche Prozesse, und ich hoffe, dass die Glaubensenergie dann reicht, Neues anzufangen.

Gesundschrumpfen?
Heinemann: Den Begriff mag ich nicht. Aber eine zentrale Botschaft Jesu lautet: Ändert euch! Veränderung ist der entscheidende Begriff!

Ein Blick in die Statistik: Die Lutheraner haben in den vergangenen zehn Jahren zehn Prozent der Mitglieder in Hannover verloren. Bei den Katholiken ist die Zahl aber praktisch gleich geblieben – trotz Missbrauchsskandal. Trotzdem werden Gemeinden zusammengelegt und Kirchen geschlossen. Warum?
Tenge: Kirchliches Leben lässt sich nicht nur an Mitgliederzahlen ablesen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher geht dramatisch zurück. Wir haben zwar mehr Zuzüge von Katholiken als Austritte und Todesfälle, aber die Kirchensteuereinnahmen werden deutlich sinken. Ich darf es mal so formulieren: Bei unseren Kirchen geht die Rechnung von Betriebskosten und Nutzung nicht mehr auf. Für die Betroffenen ist das traurig, aber wer in Hannover einen Gottesdienst besuchen will, findet immer noch zahlreiche Alternativen.

Beide Kirchen müssen sparen. Logisch wäre, Kirchen gemeinsam zu nutzen.
Tenge: Wir sind als Konfessionen so dicht beieinander, dass ich mir vorstellen kann, dass diese Frage immer stärker auf den Tisch kommen wird, gerade, wenn sich abzeichnet, dass beide Kirchen im selben Stadtteil ihre Gebäude aufgeben müssen. Spannend wäre doch etwas anderes: Nicht nur gemeinsam eine Kirche nutzen, sondern zusammen eine neue bauen! Das würde aber immer bedeuten, dass wir uns gleichzeitig von Vorhandenem trennen müssten.
Heinemann: Ich weiß nicht, ob ich das in meiner Amtszeit noch erlebe. Ja, eigentlich liegt es auf der Hand, noch ökumenischer zu sein und Kirchen gemeinsam zu nutzen. Aber manchmal ist es ja schwierig, sich zusammenzutun, gerade wenn man so eng verwandt ist wie die katholische und evangelische Kirche. Familienbande sind besonders eng, Geschwister brauchen aber oft auch eine besondere Distanz. Aus Erfahrung kennen wir sowohl unkomplizierte Zusammenarbeit als auch immer wieder hartnäckige Verknotungen.

Die Kürzungen und Kirchenschließungen ziehen sich nun schon über Jahre. Wann wird das zu Ende sein.
Heinemann: Ich glaube nicht, dass die Talsohle in diesem Jahrzehnt schon durchschritten sein wird. Interessanterweise kann es dann außerdem sein, dass wir nicht mehr genügend Pastorinnen und Pastoren haben, um alle Stellen zu besetzen.
Tenge: Es zeichnet sich ab, dass sich die Zahl der Priester in der Gemeindeseelsorge im ganzen Bistum bis 2025 halbieren wird. Zugleich erleben wir, dass viele, auch gerade junge Menschen, die neu nach Hannover kommen, nicht einfach in den Pfarrgemeinden Anschluss finden. Die Reduzierungen sollten uns nicht dazu bringen nachzudenken, wie wir möglichst viel aufrechterhalten können. Vielmehr sind sie für mich Anlass, die Frage zu stellen, wie wir offenere Formen der Gemeindebildung und Gottesdienstgestaltung entwickeln, auch und gerade an Orten, wo man sie nicht erwartet.

Schlechte Nachrichten haben es immer leichter, in die Zeitung zu kommen als gute Nachrichten. Und doch ist da der Eindruck, mit den großen Kirchen gehts abwärts. Braucht es nicht mehr fröhliche, spannende Zeichen, dass die Kirchen noch da sind? Warum hat die Marktkirche keinen Turmbläser? Warum gibts Pfingsten keinen großen, lauten gemeinsamen Gottesdienst auf dem Opernplatz?
Heinemann: Die Frage ist berechtigt. Denn wir sind ja tatsächlich eine der größten Gruppen der Gesellschaft. Allerdings müssen die großen Formen auch stimmen. Kirche kann nicht einfach nur laut sein.
Tenge: Wir müssen aufpassen, solche Events nicht bloß zu veranstalten, damit es in der Zeitung steht. Es muss um die Sache gehen.


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Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok

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