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TERMINDRUCK: Design-Student Philip Engelleitner fühlt sich durch den Bachelor stark eingeschränkt.

TERMINDRUCK: Design-Student Philip Engelleitner fühlt sich durch den Bachelor stark eingeschränkt.© Michael Joos

Reportage

Hannover: Wird das Hochschulstudium zur Luxusware?

Immer mehr Schulabgänger - rund die Hälfte - nehmen ein Studium auf. Doch was nach Freiheit, grenzenlosen Möglichkeiten, vielen Partys und noch mehr Freizeit klingt, sieht bei immer mehr Studenten vollkommen anders aus.

Hannover. Bafög, Darlehen und aufreibende Nebenjobs sind für zunehmend mehr junge Hochschulbesucher fester Bestandteil ihres Ausbildungspaktes. Die Umstellung auf das Bachelor-Master-System (Bologna-Reform) bringt künftige Ingenieure, Lehrer oder Germanisten zudem an den Rand der Belastbarkeit. Noch nicht im Berufsleben angelangt - schon ausgebrannt.

Adis Ahmetovic (19) ist seit zwei Jahren Student an der Leibniz-Universität. Politik und Germanistik auf Bachelor. „Im ersten Semester bekam ich 75 Euro Bafög. Das war zu wenig, also nahm ich einen Studienkredit auf und habe nun 3000 Euro Schulden“, erzählt der 19-Jährige. Er wohnt noch bei seinen Eltern.

Inzwischen ist er Stipendiat bei derFriedrich-Ebert-Stiftung. Schwierig undaufwendig sei die Bewerbung für ein Stipendium gewesen. Doch es klappte. Nun bekommt Ahmetovic pro Monat 565 Euro - zum Leben, für Bücher. Überwiesen wird pro Quartal. Maßhalten und Disziplin sind gefragt. Aber der Politik-Student weiß: „Ohne die finanzielle Förderung wäre ein Studium absolut undenkbar. Leider. Mir wäre es lieber, ich wäre nicht auf andere angewiesen. Aber es ging nicht anders. Meine Eltern können mich nicht unterstützen.“

Der Preis, eines Tages „Akademiker zu sein“, ist hoch. Adis Ahmetovic beschreibt den Weg selbst als „steinig, aber mit Lorbeeren in Aussicht“. Druck und Anforderungen der Stiftung sind immens: „Gute Noten sind Pflicht. Sonst bekomme ich nach der Probezeit keine weitere Förderung.“ Soziales Engagement ist unabdingbar. Dabei sei vor allem Letzteres für Bachelor-Studenten kaum machbar, berichtet Eberhard Hoffmann vom Studentenwerk: „Wir beobachten mit Sorge, dass immer mehr Studenten keine Zeit haben, sich neben dem Studium mit sinnvollen Dingen zu beschäftigen.“

Bis zum vergangenen Semester hatte Adis Ahmetovic neben seinen zahlreichen Vorlesungen und Projekten gearbeitet. Reinigungskraft. 320 Euro brachte das im Monat: „Gutes Geld! Aber die Doppelbelastung wurde mir zu viel. Also entschied ich mich für mein Studium und mein politisches Engagement.“

900 Euro hat Ann-Kathrin Heinrich (20) monatlich zum Leben. 400 Euro Bafög, 200 Euro von ihren Eltern, 300 Euro verdient sie mit ihrem Nebenjob. „Davon kann ich leben, aber ich muss Abstriche machen“, sagt die angehende Tiermedizinerin. Sie studiert im zweiten Semester. Jedes Buch für die Uni neu kaufen - undenkbar: „Ich improvisiere, schaue, was ich gebraucht bekomme.“ Eine eigene Wohnung - zu teuer.

Auch für Heinrich wäre ein Hochschulstudium ohne staatliche Hilfe ein unerreichbares Luxusgut. „Es stand von Anfang an fest, dass ich immer nebenbei jobben muss“, berichtet sie ohne einen Anflug von Scham, sondern mit sehr viel Stolz in ihrer Stimme. „Natürlich gibt es Kommilitonen, die zu 100 Prozent von ihren Familien unterstützt werden. Beneidet habe ich die nie. Ich kann am Ende meines Studiums jedenfalls behaupten ‘Das habe ich alleine geschafft‘“, sagt die 20-Jährige.

Stehen Bafög-Studenten denn unter einem höheren Druck angesichts der begrenzten Finanzspritze? „Ich jedenfalls nicht“, sagt Heinrich, „ich bin sowieso ehrgeizig, will mein Studium schnell durchziehen.“ Doch eine Sache setzt der Studentin zu: „Dass ich das Geld nach dem Studium zur Hälfte zurückzahlen muss. Ich starte also voll verschuldet in den Beruf.“ Für trübe Zukunftsgedanken hat sie einen Leitspruch: „Ich kaufe kein Auto. Ich kaufe kein Haus. Ich kaufe meine Zukunft. Dann erscheinen meine Bildungsschulden in einem völlig anderen Licht“, verrät die 20-Jährige.

200 Euro beträgt die Monatsmiete für Heinrichs Studentenzimmer. Zwölf Quadratmeter: „Für den Preis würde ich auf dem privaten Wohnungsmarkt nichts finden. Ich hatte mich mal umgesehen, aber wegen Überteuerung schnell den Plan verworfen.“ Jura-Studentin Katharina Kämpfner (26) lebt auch im Wohnheim, seit zwölf Semestern. Sie hat mit dem privaten Wohnungsmarkt längst abgeschlossen: „Wir Studenten haben dort doch gar keine Chance, sind bei Vermietern unbeliebt und gelten als schlechte Partie.“ Außerdem seien die aktuellen Mieten für Studenten nicht bezahlbar.

Dass bezahlbares Wohnen für Studenten auch in Hannover immer stärker zum Problem wird, weiß auch Ingrid Kielhorn. Sie leitet den Fachbereich „Studentisches Wohnen“ im Studentenwerk. Für die rund 37000 Studenten an Hannovers Uni und Fachhochschulen stehen 15 Wohnheime mit 2300 Plätzen zur Verfügung. Kielhorn: „Das ist eine Versorgungsquote von unter sieben Prozent. Damit liegen wir auf Bundesebene unter dem Schnitt.“ Sie beklagt: „Der Studienstandort Hannover ist unterversorgt!“ Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: „Wir rechnen in diesem Semester mit einer noch höheren Nachfrage nach Wohnheimplätzen.“ Wartezeit auf einen Platz: sechs bis neun Monate.

Gibt es eine Lösung? „Wir ziehen an vielen Strippen, haben zahlreiche Projekte am Laufen, aber die einzige Alternative sind weitere Wohnheime“, so Kielhorn. Ein Neubau mit rund 75 Plätzen ist in Planung. Reichen wird auch das nicht.

Philip Engelleitner (22) studiert auf Bachelor. Neuntes Semester, Design und Illustration. „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich sofort auf Diplom studieren“, sagt der 22-Jährige. Das Bachelor-Studium sei zu verschult - „das kritisieren selbst unsere Dozenten und Professoren“. Einer seiner Kommilitonen halte den Bachelor sogar für „den größten Fehler seines Lebens“. Engelleitner: „Wir werden regelrecht durchs Studium geprügelt, müssen unmenschlich viele Arbeitsnachweise erbringen und werden dabei in starre Vorgaben gedrängt.“ Es sei mehr Schule als Studium, bekennt der Student. Und viel Stress! „Das nervt nicht nur, es begrenzt vor allem die Individualität.“ Hinzu kommen düstere Perspektiven: „Aus der Branche hören wir immerzu, dass wir mit einem Bachelor nicht attraktiv für den Arbeitsmarkt sind.“ Viel Stress für nichts am Ende? Engelleitner: „Ich werde schon irgendwo unterkommen. Man fragt sich aber, wer sich den ganzen Bachelor-Irrsinn ausgedacht hat!“

Britta Lüers


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