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Großburgwedel

Bürger reagieren geschockt auf Mahnmalzerstörung

Einen Tag nach der Zerstörung des Mahnmals für die Opfer von Krieg und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft auf dem Friedhof in Großburgwedel hat die Abteilung Staatsschutz der Polizeidirektion Hannover die Ermittlungen übernommen.
Mit zwei großen Feldsteinen wurden die Glasscheiben des Mahnmals zerstört.

Mit zwei großen Feldsteinen wurden die Glasscheiben des Mahnmals zerstört.

© Martin Lauber

Die Beamten sollen prüfen, ob die Sachbeschädigung einen politisch motivierten Hintergrund hat. Konkrete Hinweise darauf gibt es derzeit nicht. Die beiden 15 Zentimeter großen Feldsteine, die von der Polizei am Tatort sichergestellt worden waren, sollen in den nächsten Tagen auf DNA-Spuren untersucht werden.

Das etwa 22.000 Euro teure Mahnmal ist in Burgwedel schon lange umstritten. Unter den Namen auf einer der Gedenktafeln befinden sich auch die von sechs Soldaten, die bei SS, Waffen-SS und dem Sicherheitsdienst (SD) der Nazis gewesen sein sollen. Ob sie im Zweiten Weltkrieg an Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren, ist weiterhin offen – die Namen waren daher zunächst überklebt worden. Im Vorfeld der Einweihung der durch Stelen gehaltenen Glasplatten mit den Namen von 142 Soldaten hatten linksextreme Gruppierungen zu Protesten gegen die Gedenkstätte aufgerufen. Otto Bahlo (CDU), Ortsbürgermeister von Großburgwedel, fürchtet daher weitere Anschläge gegen ein wiederaufgebautes Mahnmal. Er plädiert dafür, ein neues Mahnmal aus bruchsichererem Material zu erstellen. „Alles andere hat doch keinen Zweck.“

Auf politischer Ebene erhebt Bahlo unterdessen schwere Vorwürfe gegen SPD-Ratsherr Rudolf Gutte. Bei ihm sieht Bahlo die Verantwortung für den Protest gegen das Mahnmal: „Er ist der Brandstifter.“ Bahlo kreidet Gutte an, mithilfe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), deren Mitglied er ist, den Unmut gegen die Gestaltung des Mahnmals geschürt zu haben. Vorher habe Gutte in den politischen Gremien für das Mahnmal gestimmt oder sich enthalten. „Er hat doch mitbeschlossen“, sagt Bahlo. „Wenn er ein Kerl gewesen wäre, hätte er damals seine Meinung gesagt.“ SPD-Regionsfraktionschef und DIG-Vorstand Bodo Messerschmidt weist die Vorwürfe zurück. „Die Ursache für die Irritationen liegt an fatalen Irrtümern bei der Konzeption des Mahnmals“. Michael Fürst, Landesvorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden, bezeichnet die Vorwürfe gegen Gutte als „im höchsten Maße unfair“. Der SPD-Ratsherr sei ein „ganz honoriger Mensch, der erst dafür gesorgt hat, darüber nachzudenken, auch der Opfer zu gedenken“, sagt Fürst.

Streit um Täter und Opfer neu entfacht

Eigentlich dachten alle, das Schlimmste überstanden zu haben: Der Streit um die Gestaltung des Mahnmals in Großburgwedel hatte schon vor der Einweihung hohe Wellen geschlagen. Linksextreme Gruppen hatten ihr Erscheinen zur Enthüllung der beiden Gedenksteine am Volkstrauertag angekündigt. „Man hat versucht, uns einzuschüchtern“, sagt Ortsbürgermeister Otto Bahlo (CDU). Der Tag aber ging ohne Zwischenfälle vorüber. „Da haben wir alle gedacht, es wäre überstanden.“ Doch die Burgwedeler irrten sich. Am Wochenende warfen Unbekannte eine Tafel des Mahnmals mit Steinen ein, die Tafel, auf der auch Namen von SS-Leuten zu lesen sein sollten.

Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, zeigte sich gestern von der Attacke auf das Mahnmal überrascht. „Jetzt hatte ich nicht mehr mit solchem Vandalismus gerechnet.“ Obwohl er zu den Kritikern des Mahnmals zählt, gab er sich diplomatisch. Fürst verdammte die zerstörerischen „Dummköpfe“ für ihre feige Tat – „auch wenn das Mahnmal einen Geschmack hat“.

Jenen Geschmack nämlich, auf den SPD-Mann Rudolf Gutte lange Zeit und oft auf wenig diplomatische Weise hingewiesen hatte: Dass das Burgwedeler Mahnmal für die Opfer in vielen Augen auch ein Ehrenmal für Täter sein könnte. Wegen der sechs Namen von Mitgliedern der SS, der Waffen-SS und des SD, des Sicherheitsdienstes der Nazis. „Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es in spätestens sechs Monaten ein anderer getan“, so begründete der Stadtrat seinen Entschluss, sechs Wochen nachdem die Abstimmung ergeben hatte, die sechs umstrittenen Namen nicht zu streichen, mit einer Pressemitteilung erneut öffentlich Stimmung gegen das Vorhaben zu machen. „Großburgwedel ehrt SS-Männer“, stand über der Erklärung, die von der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft (DIG), deren Vorstand Gutte angehört, verbreitet wurde. Die Männer, um die es geht, sollen nach Guttes Recherchen unter anderem im SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Regiment „Nederland“ und in der 18. SS-Freiwilligen-Division „Horst Wessel“ Dienst getan haben. „Ich wollte durch mein Handeln Nachdenklichkeit erzeugen, nicht Aggression“, sagt der SPD-Politikter jetzt.

Mit den zahlreichen kritischen Anmerkungen hatte sich Burgwedels Bürgermeister Hendrik Hoppenstedt (CDU) lange auseinandergesetzt. Er hatte sowohl die Wehrmachtsauskunftsstelle als auch die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen eingeschaltet. Derzeit wartet er auf den endgültigen Bericht des Instituts für historische Regionalforschung. Immer wieder hatte er herausgehoben, dass der Wunsch zur Errichtung eines Mahnmales aus der Bevölkerung gekommen war.

Auch Bodo Messerschmidt, SPD-Regionsfraktionschef und ebenfalls im Vorstand der DIG in Hannover, kritisiert das Konzept des Mahnmals, erkennt aber die Bemühungen des CDU-Bürgermeisters um Vermittlung an. Im Kern stand die Frage, wie die Stadt mit den sechs Namen umgehen wollte, über deren tatsächliche Beteiligung an den Nazigräueln eine Klärung noch aussteht. „Wir waren eigentlich auf einem guten Weg“, sagt Messerschmidt. „Jetzt aber kocht alles wieder hoch.“

SPD-Regionschef Matthias Miersch mahnt unterdessen zu Besonnenheit und Sensibilität. „Ich unterstelle allen Beteiligten, dass sie etwas Positives wollten“, sagt er. Nun sollten sie sich nicht auseinanderdividieren lassen. „Damit tut man den Chaoten nur einen Gefallen.“

von Felix Harbart 
und Tobias Morchner


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