Am Messegelände soll ein neues Logistikzentrum entstehen.
Messe. Die Grünen als Teil der hannoverschen Rathausmehrheit müssen sich zunehmend für ihre Politik rechtfertigen. In einem Diskussionsabend zur geplanten Ansiedlung einer Internet-Logistikhalle am Südrand Hannovers hagelte es jetzt Kritik sowohl von Anliegern als auch von Teilen der eigenen Basis. Ob es wirklich grüne Politik sei, eine Ansiedlung mit 1000 Lkw-Fahrten täglich zu unterstützen, wollten etliche Besucher wissen. Ratsherr Michael Dette verteidigte das Vorgehen: „Grüne Politik ist nicht, immer nur Landschaftsschutzgebiete auszuweisen. Wir machen hier grüne Politik für eine Großstadt.“
Erstmals äußerte sich während der Debatte auch ein Vertreter der Gewerkschaft ver.di zu der geplanten Ansiedlung, bei der es dem Vernehmen nach um die Internetfirma Amazon geht. Zum Erstaunen vieler Besucher verteufelte ver.di-Sekretär Hans-Jürgen Döbelin die Arbeitsbedingungen bei Amazon aber nicht. Zwar seien die Bezahlung und die befristeten Verträge aus Sicht der Gewerkschaft inakzeptabel, der Arbeitsdruck sei zu hoch. „Wer deshalb aber fordert, die Ansiedlung zu verhindern, der darf auch nicht mehr bei Kik und Tedi einkaufen.“
In vielen Billigketten sei die Bezahlung deutlich schlechter, und der Druck sei größer als bei Amazon. Gut 6 Euro Stundenlohn zahle Amazon Zeitarbeitern. Angestellte, die jedoch nur rund ein Drittel der Belegschaft ausmachten, erhielten 11 Euro. „Für bessere Bezahlung und ein Ende der Befristungstendenz muss der Gesetzgeber sorgen“, sagte Döbelin.
Ähnlich argumentierten Grünen-Politiker Dette und Hannovers Umwelt- und Wirtschaftsdezernent Hans Mönninghoff (Grüne). Das Jobangebot für Geringqualifizierte sei wichtig für Hannovers Arbeitsmarkt, die Ansiedlung nahe einem Stadtbahnanschluss ökologisch besser als eine Ansiedlung auf dem flachen Land, wo Tausende Arbeitnehmer mit Autos und Bussen kommen müssten. Zudem sorge Rot-Grün etwa mit dem Passivhausstandard des Verwaltungstrakts für ökologische Politik.
Viele Anlieger äußerten Sorge um ihre Kinder, wenn künftig Lastwagen Schleichwege suchten. „Wir reden über den Stadtbezirk, in dem die meisten Kleinkinder wohnen“, kritisierte Frank Podschadly von der „Initiative pro Kronsberg“. Auch das Arbeitsplatzargument ziehe nicht, weil die Arbeitnehmer „schnell verschlissen“ seien: „Fragen Sie mal die Jobcenter an den Standorten, an denen Amazon wirtschaftet.“
Während sich Grüne aus dem Bezirk Kirchrode-Bemerode gegen die Ansiedlung aussprachen, wird sie von Grünen aus Döhren-Wülfel-Mittelfeld vielfach begrüßt. „Wir haben hier eine andere Bewohnerstruktur und mehr Arbeitslose“, begründete das ein Döhrener Grüner.
Für Montagabend lädt die Initiative zum Infoabend ab 19 Uhr ins Annastift, Wülfeler Straße 60, ein.
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