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TRAUMJOB: Wolfgang Dassel aus Döhren ist seit 40 Jahren Ordner bei 96 und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass Hannover auch nächste Saison erstklassig ist.

TRAUMJOB: Wolfgang Dassel aus  Döhren ist seit 40 Jahren Ordner bei 96 und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass Hannover auch nächste Saison erstklassig ist.© Florian Petrow

Hannover 96

Ordner ist das halbe Leben

Wolfgang Dassel ist seit 40 Jahren Ordner bei Hannover 96. Der Döhrener erlebte Auf- und Abstiege, dramatische Rettungen und schillernde Europapokalabende hautnah. Seinen Verein noch einmal in der zweiten Liga kann er sich nicht vorstellen.

Hannover. An den 17. Mai 2003 erinnert sich Wolfgang Dassel, als ob es gestern war. 96 war abstiegsgefährdet und lag am vorletzten Saisonspieltag gegen Gladbach 1:2 zurück. Eine Niederlage hätte die Situation dramatisch verschärft. „Wir waren schon parat, um den Frust der Leute zu zügeln. Sie hätten unter keinen Umständen über die Zäune auf den Platz rennen dürfen. Aber dann erzielte Jiri Stajner in der letzten Minute den Ausgleich“, schildert er, „im Stadion wurden alle Tore geöffnet. Jeder fiel demjenigen in den Arm, der gerade neben ihm stand. Ich auch.“

Dassel muss das so betonen. Denn eigentlich hätte er die Form wahren sollen. Der Döhrener war an jenem Sonnabend schließlich beruflich im Stadion. So wie immer, wenn 96 zu Hause spielt. Seit 40 Jahren ist er Ordner bei seinem Lieblingsverein. Schauen, wo etwas passieren könnte, viel mit Menschen sprechen, Fluchtwege frei halten. Selten muss er ernsthaft eingreifen. Und: „Ich habe dabei das Glück, die Spiele verfolgen zu können“, so Dassel.

96-Fan ist er seit seiner Jugend, „als ich mit ein paar Kumpels im Eilenriedestadion über den Zaun geklettert bin, um die Spiele zu sehen“, erzählt er. Über einen Freund ist er wenig später an die Ordnertätigkeit gekommen. Damals, in den 70er und 80er Jahren, war noch alles anders. „Wir waren kaum als Ordner zu erkennen, hatten nur eine Armbinde um. Ein, zwei Bierchen während des Dienstes waren durchaus möglich. Und wir konnten viele Dinge direkt vor Ort regeln“, so Dassel, „da hat man schon mal einen am Kragen gepackt und hinausgeworfen.“

Heute dürfte man das gar nicht mehr. „Die Gesellschaft hat sich verändert“, meint der 57-Jährige, „und mit ihr auch die Zuschauer in der Arena.“ Bis in die 90er Jahre seien vor allem Männer ins Stadion gekommen, viele Arbeiter. „Jetzt ist das Publikum gesetzter. Und es sind viele Frauen dabei - auch einige sehr hübsche“, bemerkt der Versicherungskaufmann. „Ich bin über die Jahre dabeigeblieben, weil ich den Verein und die Stadt liebe“, sagt der Mann mit der Mütze, „und ich bin gern mit den Menschen hier in Kontakt.“ In brenzlige Situationen ist er kaum verwickelt worden. „Früher mussten wir ab und zu die Spieler beschützen, wenn sie schlecht gespielt haben“, sagt Dassel, der zwar schon „überall im Stadion“ eingesetzt wurde, aber inzwischen fast ausschließlich auf der Osttribüne tätig ist. „Jetzt müssen wir aufpassen, dass die Fans den Spielern nicht die Trikots vom Leib reißen“, sagt er, „die heutigen Zuschauer wollen immer etwas von den Spielen mit nach Hause nehmen.“ So wurde Dassel auch schon Geld geboten, damit er seine Ordnerjacke hergibt.

Derart kuriose Geschichten hat der Ordner einige zu erzählen. „Da war der Ex-Nationalspieler, der nach einem Umtrunk seinen Platz auf der Tribüne nicht mehr gefunden hat“, schildert Dassel, „oder ein Minister, der nach der Niederlage seiner Mannschaft so viel Angst vor den Fans hatte, dass er sich von mir aus dem Hinterausgang führen ließ.“ Und Martin Kind kennt er seit Jahren. „Da hatte er noch eine normale Dauerkarte. Aber geschimpft hat er damals schon wie ein Rohrspatz. Der war schon immer ein echter 96er“, plaudert der Ordner.

Dassel ist auch ein echter 96er. Einer, der gerade richtig mitleidet. Dazu gehört die Fan-Problematik, in der er für eine Versöhnung durch Gespräche plädiert. Und natürlich schmerzt auch die sportliche Talfahrt. „Ich kann mir die erste Liga ohne 96 nicht mehr vorstellen“, sagt er, „ich habe so viel mitgemacht, da waren so viele irre Präsidenten, die Stadtwerke standen schon vor dem Stadion und wollten das Flutlicht nicht anmachen, weil es an Geld gemangelt hatte. So weit darf es einfach nie wieder kommen.“ In diesen Wochen höre er von Stadionbesuchern immer wieder, „dass sie in der zweiten Liga keine Karte mehr kaufen wollen“. Absteigen geht nicht. Und Mut macht Dassel, dass 96 nicht die einzige Mannschaft ist, deren Not in dieser Saison so groß ist. „Paderborn und Freiburg steigen direkt ab, der Hamburger SV geht in die Relegation“, rechnet er wie selbstverständlich vor.

Zur Not genügt Dassel auch wieder die Rettung in letzter Minute. So wie am 17. Mai 2003. Bei Stajners so wichtigem Tor. „Solch einen Jubel würde ich in dieser Saison gern wieder erleben. Es muss nicht im letzten Saisonspiel sein“, sagt Dassel, der ans Aufhören noch lange nicht denken mag.


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