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ECHTER FAN: Lothar Kiesel und 96, das ist eine lebenslange Beziehung. Im Stadion schloss er 1996 mit seinem Sohn (kleines Bild im Text) eine Wette: Steigt 96 auf, hört er auf zu rauchen. Als es 2002 nach dem Spiel gegen Schweinfurt so weit war, lebte der Sohn nicht mehr. Die Wette löste Lothar Kiesel trotzdem ein.© Petrow

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Wir sind 96

„Ich denke immer an ihn“

Ein Vater aus Ronnenberg verliert seinen Sohn bei einem Autounfall – es bleibt eine 96-Wette um die letzte Zigarette

Ronnenberg. Nachdem Aha-Mitarbeiter Lothar Kiesel im Büro erfahren hatte, dass sein 18-jähriger Sohn Sven tödlich verunglückt ist, plante er noch die Tour der Müllfahrer zu Ende. Dann fuhr er nach Hause, setzte sich hin und wartete. Darauf, dass sein Sohn nach Hause kommt. Als wäre dies alles nur ein böser Alptraum.

Fast 16 Jahre ist das jetzt her, und Lothar Kiesel wartet nicht mehr. Er hat sein neues Leben akzeptiert, sein Schicksal, das ganz andere Pläne hatte als er.

Nach dem Unfall bei Hüpede lebten er und seine Frau wie betäubt, unfähig zu den kleinen Freuden des Alltags. Sich mal eine neue CD zu kaufen oder, wie so häufig zuvor, ins Stadion zu gehen, schien undenkbar für den glühenden 96-Fan: „Jeder will doch etwas in seinem Leben hinterlassen. Und wenn dann das einzige Kind stirbt ...“ Er spricht den Satz nicht zu Ende.

Nach einem Jahr begann das Paar eine Reha. „Der Arzt hat uns gesagt: Tun Sie mal wieder etwas für sich“, so der heute 58-Jährige. Also ging er zu 96 – das erste Mal nach dem tragischen Unglück. An das Spiel kann er sich nicht mehr erinnern. Nur noch an ein Gefühl: „Man kann sich auch im Stadion sehr einsam vorkommen.“

Das Niedersachsenstadion. Ein Vater-und-Sohn-Ort. Wo die Leidenschaft für das richtige Team weitergereicht wird wie ein wertvolles Erbstück. Auch das ein Plan von Lothar Kiesel. Niemand vergisst das erste Mal an Papas Hand, den ersten Blick auf das gigantische Rund, die vielen Menschen, die Schlachtgesänge, das nervöse Kribbeln in der Luft. 1994 nahm Kiesel Sohn Sven das erste Mal mit. Der Zwölfjährige war fast sprachlos: „Wow!“ Und er wollte schnell wieder hin.

So ähnlich war es auch bei Lothar Kiesel gewesen, nur eben einige Jahrzehnte früher. Seit er als Jugendlicher das erste Mal zugeguckt hatte, ließ ihn 96 nicht mehr los. „Das Auf und Ab hat mich nicht abgeschreckt“, sagt er. Auch nicht in den 90ern, als der Verein zum 100-jährigen Bestehen der Drittklassigkeit entgegentaumelte. Eine Saison, die Kiesel nicht nur wegen des Abstiegs in Erinnerung behalten wird – sondern auch wegen einer Wette mit seinem Sohn.

Lothar Kiesel war Raucher. 60
Zigaretten pro Tag. Wenn 96 schlecht spielte, auch mal mehr. Und 96 spielte oft schlecht. Kiesel saß gerade mit seinem Sohn im Stadion, als der Junge meinte: „Papa, nun reichts. Willst du nicht aufhören mit dem Rauchen?“ Der Vater schaute auf das lausige Spiel der Roten und sagte: „Wenn 96 in die erste Liga aufsteigt, höre ich auf zu rauchen.“ Die Wette galt.

März 2002. Lothar Kiesel konnte mittlerweile wieder regelmäßig ins Stadion gehen, der Unfall von Sven war drei Jahre her. Er saß wie immer auf der Westtribüne, in Höhe der Mittellinie. Die Stimmung auf den Rängen war heiter, das Spiel ebenso. Ein entfesselter N’Diaye als Spielmacher, Simak und Krupnikovic zauberten, sogar Zuraw und Stefulj trafen. Am Ende siegte 96 mit 6:0, der Aufstieg in die erste Liga war perfekt. Der Wetteinsatz wurde fällig: „Ehrenschulden. Über den Tod hinaus.“

Die letzte Zigarette zündete sich Lothar Kiesel einige Wochen später auf einem Hotelbalkon in der Türkei an. Es war später Abend, er und seine Frau, auch sie wollte nun mit dem Rauchen aufhören, tranken dazu ein Glas Sekt: „Um Mitternacht drückten wir die Zigaretten aus und haben seitdem keine Zigarette mehr angefasst.“ Die Wette wurde eingelöst. Bei einem Abstieg, das versichert er mit einem Lachen, wird auch nicht wieder angefangen.

96 ist endgültig ein Teil von Kiesels Leben geworden. Nicht nur wegen der Trikots in seinem Schrank, wegen der selbstlackierten schwarz-weiß-grünen Gartenzwerge oder wegen der Flagge hinterm Haus: „Das Stadion schafft eine Nähe zu meinem Sohn, ich denke immer an ihn.“ Die Trauer macht den Erinnerungen Platz, und Kiesel kann wieder genießen. Zum Beispiel, mit einem alkoholfreien Weizen beim Nachbarn ein 96-Auswärtsspiel zu schauen: „Mir geht es gut.“ Kiesel sagt das trotz einer Krebserkrankung vor zwei Jahren, mit der Gelassenheit eines Menschen, den das Leben nicht mehr groß erschrecken kann.

Er müsse jetzt nach der Chemo ein bisschen auf sein Immunsystem achten. Und dann so schnell wie möglich wieder ins Stadion: „96 hat mir zu einem gesünderen Leben verholfen und wird immer mein Verein bleiben, egal, was kommt.“


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