Navigation:

ERFOLGSDUO: Trainer Mirko Slomka (links) mit 96-Bewegungswissenschaftler Jürgen Freiwald.© zur Nieden

96-Interview

Der Kontrolleur des 96-Erfolgs

Jürgen Freiwald (53) ist bei 96 „Koordinator für Leistungsdiagnostik, Konditionstraining, Prävention und Rehabilitation“. Für die Spieler ist er nur der „Proff“ – ein NP-Gespräch.

VON THORSTEN LANGENBAHN
UND DIRK TIETENBERG

Herr Freiwald, warum gibt es bei 96 den früher obligatorischen Maschseelauf nicht mehr?

Weil der Fußball sich verändert hat. Es gibt das große Missverständnis, dass Fußball eine Ausdauersportart wäre, weil im Spiel zwischen zehn und 13 Kilometer gelaufen wird. Das ist falsch, da die Spieler niemals gleichmäßig laufen wie zum Beispiel ein Marathonläufer. Alle Auswertungen von Spielbeobachtungssysteme besagen, die Anteile der hohen Intensitäten deutlich zugenommen haben. Diese Tempowechsel habe ich beim Maschseelauf einfach nicht – daher ist der Gewinn an Ausdauer unspezifisch.

Haben sich auch die Trainer verändert?

Es gibt eine neuere Trainergeneration, die auch teilweise im Sport akademisch ausgebildet ist wie Mirko, Thomas Tuchel oder Kloppo (Jürgen Klopp, d. Red.). Der hat bei mir noch den Fußballkurs gemacht als ich Dozent in Frankfurt war. Das sind Leute, die über den Tellerrand hinaus denken und nicht meinen, sie können alles selbst. Sie nutzen ein Team mit zusätzlichen Kompetenzen. Ich berate Mirko, aber er entscheidet, was passiert, denn er hält den Kopf hin. In der Uni bin ich der Chef – bei Hannover 96 Mirko. Ich habe deswegen keine Persönlichkeitsstörung.

Sie sind bei Schalke 04 auf einige Widerstände gestoßen. Wie war es bei 96?

Als wir hier angefangen haben, konnte ich es gar nicht glauben. Eeine Hälfte der Mannschaft ist in die Kabine und die andere Hälfte in die Therapie gegangen. Wenn man jetzt die Liste sieht erkennt man, dass wir wiederum die wenigsten verletzten Spieler in der Bundesliga haben. Wenn wir über 20 Prozent des Kaders Verletzte haben, müssen wir nervös werden. Unter 20 Prozent ist statistisch gesehen super. Wir sind in der Bundesliga das Team mit den wenigsten Verletzungen.

Wie kommts?

Gesunde junge Spieler, wenig Vorschädigungen und – weg von meiner Arbeit – das Trainerteam. Dazu gehören Norbert (Kotrainer Norbert Düwel), Nestor (El Maestro), Mirko, aber auch Edward (Fitnesstrainer Kowalczuk) und Ingo (Rehatrainer Ingo Geisler). Sie alle machen ein optimales Training, das auch zu weniger Verletzungen führt. Und wenn etwas geschehen ist, haben wir unter anderem mit Ralf Blume als Physiotherapeut und seinem Team eine optimale Versorgung.

Was ist geändert worden?

Sehr vieles. Wir machen schon vor Beginn der Trainingseinheit im Stadion ein sogenanntes sensomotorisches Vorbereitungstraining. Das sind Kräftigungs- und Stabilisationsübungen, zum Beispiel springt man auf eine Matte, um die Beingelenke zu stabilisieren. Das sind Kleinigkeiten, aber im Gegensatz zum Dehnen haben Studien gezeigt, dass Verletzungen so vermieden werden können. Dehnen hat überhaupt keinen Effekt auf Verletzungshäufigkeit, während sie durch solche Übungen um etwa ein Drittel reduziert wird.

Was ist noch anders?

Der Mirko macht ein extrem spielnahes Training, nichts mit Medizinbällen und Hügelläufen. Heute hat man es im Spiel acht gegen acht gesehen: ganz enger Raum, da knallts öfters. Da lernen die Spieler sich spielerisch aus engen Situationen zu befreien und trainiert genau die Muskulatur, die auch im Spiel gefordert wird. Spezifischer kann man kein Krafttraining machen. Darüber hinaus lernen und die Spieler gefährliche Situationen zu erkennen und sich richtig zu verhalten – auch dadurch vermeidet man Verletzungen.

Warum arbeiten nicht alle Bundesligavereine so?

Da gibt unterschiedliche Trainergenerationen und Arbeitsweisen. Nicht jeder Trainer ist in der Lage ein Team zusammenzustellen und auch zu führen. Das kann der Mirko. Wichtig ist, jeder im Team muss mit dem Chef solidarisch sein. Wenn ich einen Fehler mache oder Mirko oder wer auch immer, dann muss man zusammenstehen. Ein Team ist wie ein verteiltes Gehirn. Die ganz Großen in der Branche, zu denen der Mirko in meinen Augen zählt, arbeiten so.

Wie war der Einstieg bei Hannover 96?

Die Mannschaft war verständlicherweise verunsichert und auch nicht fit. Da war niemand dran Schuld aufgrund der besonderen Situation. Mirko hat daher innerhalb der Rückrunde mehr oder weniger eine komplette Vorbereitung durchgezogen, erst dann konnte man das wahre Leistungsvermögen erkennen. Die ersten sechs Spiele ohne Punkte waren hart. Hätte es da einen Trainerwechsel gegeben, hätte der Nachfolger enorm von unserer Arbeit profitiert.

Wo führt Mirko Slomkas Weg noch hin?

In die Champions League.

Mit oder ohne 96?

Das wird man sehen. Mit seinen 43 Jahren ist er nach wie vor einer der jüngsten Trainer der Bundesliga und es fällt überhaupt nicht auf. Er hat Erfahrungen im Jugendbereich, im Spitzenbereich, im Abstiegskampf und hat nunmehr Hannover 96 nach oben geführt. Seine Handschrift ist überall erkennbar – auch weil er junge Spieler fördert. Wenn er weiter so macht, wird er ein Großer.

Was ist das Ziel ihrer gemeinsamen Arbeit?

Es geht immer nur um die Leistung. Wir machen kein Straftraining und auch keine Belohnungsfeiertage. Wir geben nach Erfolgen nicht zwei Tage frei sondern verfolgen einen Plan und den ziehen wir konsequent durch. Das merken die Spieler – wir sind kalkulierbar, da die Sache im Vordergrund steht.

Wie ist eine Laufleistung von zwölf Kilometern pro Spiel möglich?

Selbst ein moderner, mitspielender Torhüter läuft heutzutage circa sechs Kilometer im Spiel. Bei einem Feldspieler können es auch mal 14 Kilometer sein, in der Bundesliga sind es zwischen elf und zwölf Kilometer, in der Champions League muss man nochmal zwei bis drei Kilometer draufrechnen. Aber besondere Fitness zeigt sich nicht durch eine besonders starke Laufleistung. Wichtig ist, dass der Spieler im Mannschaftsverbund seine taktischen Aufgaben über die gesamte Spielzeit erfüllen kann. Wenn einer im mannschaftstaktischen Gerüst nicht mehr mitmachen kann, weil ihm die Puste ausgeht, dann bricht das Ganze auseinander.

Wird sich zur nächsten Saison von der Trainingssteuerung etwas ändern?

Wir werden einiges neu machen. Mirko hat gesagt: Jürgen, wir müssen unseren Vorsprung halten. Also muss ich mir Gedanken machen. Wir experimentieren an der Uni mit einem System, das per GPS im Training die Laufleistung, die Beschleunigung und die unterschiedlichen Belastungen der Spieler differenziert misst. Das würde ich gerne anschaffen. Wir wollen ganz sicher ein Spielanalysesystem einführen.

Kann 96 da mit den Großen konkurrieren?

Hannover wird von der Infrastruktur nie mit Bayern konkurrieren können. Das geht nur, indem wir besonders pfiffig sind und unter anderem wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen. Trotzdem muss es immer einen Praxisbezug haben – man kann eben nicht nur im Labor stehen, sondern muss auch auf dem Platz dabei sein.

Sind Sie ein Aufpasser?

Ja, ich kontrolliere auch – Controlling. Diese Aufgabe ist klar mit Mirko besprochen. Ich werde auch nie der enge Freund der Spieler sein, sondern immer derjenige, der ihnen weiterhelfen will ihr Potenzial optimal zu entwicklen. Damit gewinnt man nicht gerade den Beliebtheitspreis. Dennoch hoffe ich, den Respekt der Menschen gewonnen zu haben.

Sehen Sie als Kontrolleur auch, wenn ein Spieler abends ein Glas zu viel getrunken hat?

Das sieht man an seinen Werten direkt nicht, aber wenn er es dauerhaft macht, ganz sicher. Alle, wussten aufgrund der letzten Rückrunde wie hart es ist. Manche hatten die Wahl, ob sie bleiben oder gehen. Jeder, der bei uns ist weiß, dass es verdammt anstrengend ist. Was wir von den Spielern fordern, kann man nicht erfüllen, wenn man nicht solide lebt. Der Mirko ist auch keiner, der kontrolliert, sondern einer, der viel verlangt. Verhielten sich die Spieler nicht professionell, könnten sie keine optimale Trainingsleistung bieten und hätten keine Chance. Das regelt sich alles von selbst.

Sagen die Spieler eigentlich Sie oder Du?

Ich habe ihnen das Du angeboten, aber sie sagen "Proff" zu mir, einige fallen auch ins Sie zurück. Ich werte das als Zeichen des Respekts. Für mich ist es manchmal komisch, weil ich merke, ich werde älter.

Wie ist es bei Ihnen mit der Erfolgsorientierung?

Ich liebe Erfolg. Ich kenne es von der Uni, wo ich mit meinen Kollegen in den letzten zehn Jahren als Leiter der Sportwissenschaft die Studentenzahl verdreifacht und die Zahl der Mitarbeiter und Professoren vervielfacht habe. Auch im Fußball weiß ich wie es riecht, die Schale fast in der Hand zu haben und wie es in der Champions League zugeht – das ist ein geiles Gefühl. Selbst in der Bundesliga gibt es zu wenige, die erfolgsorientiert denken – viele denken in erster Linie negativ. Was kann ich vermeiden, was soll nicht eintreten und ähnliches. Ich denke anders. Wo ich bin ist Erfolg. Punkt. Das klingt arrogant, aber so muss man denken. Das überträgt sich auf die Spieler. Auch bei Misserfolg verlieren wir nicht die Nerven, dann kommt der Erfolg eben verzögert.

Wo ist der Haken?

Kein Haken – aber die Ziele müssen realistisch sein. Meine Erwartungen wurden weit übererfüllt. Dritter Platz sieben Spieltage vor Schluss, das habe ich nicht erwartet.

Jürgen Freiwald – zur Person:

Geboren wurde Jürgen Freiwald am 28. August 1957 in Bad Homburg. Er studierte Sport, als Sportlehrer arbeitete er in einer orthopädischen Klinik (bis 1992). Er habilitierte, „heimlich, weil meine Frau es mir verboten hatte“. Seit elf Jahren ist er als Professor für Bewegungswissenschaft an der Bergischen Uni Wuppertal. In Schalke gehörte er zu Mirko Slomkas Trainerteam (2006 bis 2008), seit Februar 2010 ist er bei 96. Mit Sabine Freiwald (48) ist er seit 25 Jahren verheiratet. Sie erlitt vor drei Jahren eine Gehirnblutung, „seitdem ist sie geistig und körperlich schwerstbehindert“. Freiwald pflegte seine Frau zunächst zu Hause, mittlerweile ist sie in einem Pflegeheim. Sie haben zwei gemeinsame Söhne – Jonas (21) und Martin (18). Jürgen Freiwald wohnt in Solingen.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Vergleiche alle Wettquoten für Spiele von Hannover 96 bei SmartBets.

NP-Sportstiftung

Wir helfen dem Sport, helfen Sie mit! Seit ihrer Gründung bei der NP-Sportgala im Januar 2007 unterstützt und fördert die Sportstiftung der Neuen Presse den Amateur- und Breitensport in der Region Hannover.