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Porträt

Alle lieben 96-Zeugwart "Mille" Gorgas

Jeder Klub hat sie: Langjährige Mitarbeiter, die jeder kennt und jeder mag, die im menschlichen Miteinander des Vereins eine wichtige Rolle spielen. 96 hat Michael Gorgas, der bei Hannover vom größten Fan zum Zeugwart wurde.

Hannover. Arbeit? Würde Michael "Mille" Gorgas das nicht nennen. Andere sehen es als ziemliche Plackerei, was Mille in den Katakomben der Arena von Hannover 96 zu leisten hat. 175 Paar Schuhe sind pro Woche zu putzen, täglich türmen sich neue schmutzige Klamottenberge, die zu waschen und sortieren sind, dazu immer diese schweren Metallkoffer für Fahrten.

Montags müssen - eine fisselige Millimeter-Arbeit - im Schnitt 25 Trikots neu beflockt werden mit Logos, Namen und Zahlen. Als Ersatz für die Exemplare, die die Profis getauscht oder ins Publikum geschmissen haben. Insgesamt eine textile Logistik, die sich gewaschen hat. Keine Arbeit? "Beschäftigung", sagt Mille. Er möchte wohl nicht zu überschwänglich klingen: Es ist für ihn der beste Platz auf der Welt, zum Dabeisein, zum Leben.

Michael Gorgas war ein Hardcore-Fan. Nicht die neue "Ultra"-Sorte mit ihren Pyros und Transparenten, sondern der alte Schlag: immer da. Bei jedem Spiel, allen Trainingslagern, den meisten normalen Einheiten. Sein letztes versäumtes Pflicht-Heimspiel datiert vom 30. April 1988, ein 5:1 gegen Homburg. Die Eltern des damals 14-Jährigen aus Nienburg an der Weser fanden, das sei zu spät und zu umständlich und zu gefährlich; es war das letzte Mal, dass sie sich damit durchsetzten.

Auf der eigenen Webseite (mille96.de) schreibt Gorgas nur halb im Scherz, dass eine Ausbildung später nicht in Betracht kam, weil er ja ständig zum Fußball musste. Mille verkaufte Weihnachtsbäume vor Supermärkten ("arschkalt") und auch sonst dies und das, aber die Eltern machten sich Sorgen. Bis zu einem Tag im Jahr 1998, als der damalige Trainer Reinhold Fanz auf die Idee kam, einen wie Mille, der immer da ist und eine fröhliche Natur hat, könnten sie eigentlich brauchen, wenn er pünktlich, zuverlässig und organisiert ist.

Und diese Eigenschaften hatte er als hartnäckigster Fan von allen ausreichend bewiesen. Mille Gorgas bei seinem Tagwerk zu beobachten, ist nicht sehr aufregend, aber es macht Freude - das angenehme Gefühl, jemanden eine Sache gut und gern machen zu sehen. Das wird den Profis nicht anders gehen: "Wir lieben ihn alle sehr", sagt Jan Schlaudraff in einem Film, den der NDR über Gorgas drehte. Man sagt Mille nach, dass er sich nie über zu viel Mühe oder zu viel Schmutz beklagt.

Aber nach Niederlagen ist seine Laune schwierig, wie das bei echten Fans so ist. "Nicht immer leicht" sagt Schlaudraff. Man ahnt, dass Mille an solchen Tagen ein lebendes Mahnmal der Enttäuschung ist; vielleicht gar nicht verkehrt im Innern eines Profibetriebs. Zwtl.: Schweigen über das Allerheiligste Zeugwarte in der Bundesliga sind eine besondere Spezies; in mancher Hinsicht vergleichbar mit den "Roadies" von Rockbands, die Bühnen in Knochenarbeit auf- und abbauen, um Anteil an der Show und am Lebensstil der Stars zu haben. So wie die nicht zu viel über zerlegte Hotelzimmer reden dürfen, darf Mille rein gar nichts aus dem Allerheiligsten ausplaudern, dem Kabinentrakt. Und er käme auch gar nicht auf die Idee.

Den Weg vom anhimmelnden Fan zum Arbeits-Kumpel der Spieler, der selbstverständlich beim Kurztrip zum "Ballermann" am Saisonschluss dabei ist, hat Gorgas schnell zurückgelegt. Er ist immer noch Fan, aber er weiß jetzt, dass die Stars auch nur Menschen sind. Dafür gibt es viele Redensarten, Mille hat eine eigene: "Unter der Dusche sind alle nackt." Am "Ballermann" übrigens lebt Gorgas seine zweite Leidenschaft aus. Jürgen Drews, Mickie Krause, Gunter Gabriel - Mille mag Schlager, weil sie optimistisch und gut gelaunt sind. Da nicht jeder seine Lautstärke schätzt, trifft es sich gut, dass er einen Teil seiner Arbeit allein in geschlossenen Räumen verrichtet. Obwohl: Arbeit ist es ja keine. Das Leben, für Mille.

(Raimund Witkop)


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