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Große Oper für Grete

Das 1000-jährige Tangermünde ist ein Geheimtipp in Sachen Mittelalter-Romantik. Einer seiner bekanntesten Töchter wurde nun sogar eine eigene Oper gewidmet.
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Rote Giebeldächer und Kirchturmspitzen ragen aus dem Häusergewirr in Tangermünde.

© pixelio

Einst kaiserliche Lieblingsresidenz, heute ein touristisches Kleinod: Das Elbstädtchen Tangermünde bietet ein Stück romantisches Mittelalter vom Feinsten. Und eine handfeste Gruselstory noch dazu – die Geschichte der Brandstifterin Grete Minde, die kein Geringerer als Theodor Fontane mit seiner gleichnamigen Novelle unsterblich machte. Zum 1000-jährigen Bestehen ihrer Stadt ehren die Tangermünder ihre berühmteste Bürgerin auf besondere Weise.

Dank Minde Platz in der Weltliteratur

Eine eigens komponierte Oper ist der legendärsten Tangermünderin, Grete Minde, gewidmet. Da fragt man sich glatt, warum erst jetzt? Denn die Geschichte dieser Grete ist ja von sich aus schon ganz große Oper. Eine Patriziertochter, die um ihr Erbe gebracht wird, mit einem kriminellen Landsknecht ein elendes Dasein fristet, aus Rache die Stadt anzündet und schließlich selbst auf dem Scheiterhaufen endet. Mehr Drama geht nicht.

Kein Wunder, dass dieser Stoff schon eine Reihe von Dichtern zu eigenen Werken beflügelte. Allen voran Theodor Fontane. Seine Novelle „Grete Minde“ katapultierte das reizvolle Städtchen in die Weltliteratur. Dabei gilt es inzwischen als historisch erwiesen, dass das unter Folter erpresste Geständnis der vermeintlichen Brandstifterin falsch und Grete Opfer eines der berühmtesten Justizmorde der Geschichte wurde.

Blütezeit der Stadt noch erkennbar

Historische Tatsache bleibt die Brandkatastrophe vom 13. September 1617. So gut wie die ganze Stadt versank in Schutt und Trümmern. Ganze Straßenzüge erstanden danach buchstäblich wie Phönix aus der Asche. Die Hansestadt hatte seit dem 15. Jahrhundert eine besondere wirtschaftliche Blütezeit erlebt, und so sparten die durch Gewerbe, Brauerei und Elbzoll reich gewordenen Bürger beim Neubau ihrer Häuser nicht an prächtigen Fassaden und Türeinfassungen. In den vergangenen Jahren sorgfältig restauriert, erstrahlen nun ganze Straßenzüge in neuem Glanz.

Vom 50 Meter hohen Kapitelturm auf dem Burgberg eröffnet sich das Panorama bis weit in die Elbauen und über die Stadt. Backsteingotik und Fachwerkkunst präsentieren sich unter roten Giebeldächern, Kirchturmspitzen ragen aus dem Häusergewirr, das Ganze umschlossen von einer fast lückenlos erhaltenen Stadtmauer. Auf den prächtigen Stadttoren haben es sich Störche gemütlich gemacht. Kein Wunder, dass dieser Ort schon so manchen Filmregisseur ins Schwärmen gebracht hat.

Steigt man die Turmstufen wieder hinunter ins Burgareal, trifft man an der Elbuferpromenade auf jenen hochwohlgeborenen Prominenten, der mit sicherem Gespür für malerische Orte gerade diesen zu seiner Lieblingsresidenz neben Prag machte: Kaiser Karl IV. ist es, der von hohem Denkmalsockel, umduftet von Lavendelbüschen, wohlwollend über „seine“ Elbe schaut und dabei die Hand auf dem Geldsäckel ruhen lässt.

„Er war der Reiche unter den Kaisern“, lächelt Stadtführerin Regine Schönberg und erklärt, wie der machtbewusste Herrscher 1373 die Mark Brandenburg erwarb und sie mit seinem böhmischen Königreich vereinte. Wobei er sich in Tangermünde und speziell in die alte Askanierburg dort so verliebte, dass er sie nach dem Vorbild des Hradschin umgestalten ließ und bis zu seinem Tode 1378 immer wieder aufsuchte. Nur das sogenannte Tanzhaus des Kaisers ist heute noch erhalten, nachdem die Burg im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde.

Mit hörbarem Bürgerstolz und Charme führt Regine Schönberg Gäste durch ihre Stadt. Sie zeigt den Weg entlang der Elbuferpromenade, denn „das ist einfach der schönste“. Ein Weg der Kontraste zumal. Auf der Wasserseite ankern im hochmodernen Jachthafen flotte Schiffe, rechterhand erhebt sich trutzig die ehrwürdige Stadtmauer. „Unser Mauerbau begann schon im 13. Jahrhundert“, scherzt denn auch die kundige Stadtführerin, die noch so manchen Extratipp parat hat. Das Kuhschwanzbier etwa müsse man unbedingt probieren. Das soll es schon vor 1000 Jahren gegeben haben. Und neuerdings wieder, seit ein findiger Gastronom die Tradition des ökologisch gebrauten Getränks wiederbelebt hat.

Überhaupt locken im Städtchen jede Menge Kneipen, Cafés und originelle Gaststätten wie die Zecherei St. Nikolai in der gleichnamigen Kirche, die allerdings schon seit Ende des 16. Jahrhunderts für profane Zwecke genutzt wird. Sie liegt gleich hinter dem berühmten Rathaus mit den wie Spitzengeflecht wirkenden Backsteinrosetten am hoch aufragenden Schaugiebel. In dessen Schatten treffen wir schließlich wieder auf Grete Minde. Pünktlich zum Tausendjährigen haben die Tangermünder ihrer Stadtheiligen ein Denkmal gesetzt. Lebensgroß steht sie da, in Ketten gelegt, mit fragendem Blick. Ohne Zweifel eine Gestalt, die wie gemacht ist für Romane und die ganz große Oper.

von Margit Boeckh


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