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nicht nur Trachten, sondern auch Tänze gehören zur sorbischen Tradition.

nicht nur Trachten, sondern auch Tänze gehören zur sorbischen Tradition. © Patrick Pleul

Mode

Sorbische Tracht liegt im Trend

Kleine feine Blumen-Motive, Spitze und jede Menge Stoff: Zu Festtagen holen Sorben ihre traditionelle Tracht aus dem Kleiderschrank. Dazu gehören große weiße Hauben - und die sind zunehmend begehrt.

Cottbus. Sophia will eigentlich mal Tierpflegerin werden, aber Schneiderin findet sie auch nicht schlecht. "Das mache ich dann mal nebenher", sagt die Fünfjährige. Sie sitzt auf einem Hocker - Anprobe. Ihre Mutter Antje Lehnitzke setzt ihr eine weiße Haube mit fein bestickten Blumen auf.

"Sie ist das Pünktchen auf dem i", sagt die 38-Jährige aus dem Cottbuser Umland über die sorbische Trachtenmode. Lehnitzke ist eine von mehreren Schneiderinnen in Südbrandenburg, die sich auf die traditionellen Halstücher, Röcke, Hauben und Schürzen der sorbischen Kultur spezialisiert haben. Die Schnitte und Muster sind alt. Seit Jahren steigen die Auftragszahlen, wie Lehnitzke berichtet. "Vor allem Hauben sind begehrt."

Sie will das Fachwissen zu den Trachten, das von Generation an Generation weitergegeben wird, bewahren. Sie selbst ist damit groß geworden. "Oma ging in Tracht und meine Mutter trug sie auch." Von einer größeren Nachfrage spricht auch Schneiderin Johanna Sapjatzer aus Ruben im Spreewald. "Das hat seit Jahren zugenommen."

Die sächsische Trachtenschneiderin Petra Kupke aus Räckelwitz betont: "Das Bewusstsein für die sorbische Kultur ist wieder verstärkt da." Die Spreewälder

Designerin Sarah Gwiszcz fertigt zwar keine traditionelle Trachten, lässt sich bei ihren Schnitten aber von den sorbischen Modellen inspirieren. Auch sie berichtet von steigenden Auftragszahlen.

Die Sorben, die sich in Brandenburg auch Wenden nennen, sind durch ihre Bräuche und Traditionen wie das Osterreiten bekannt - aber eben auch durch ihre Trachten mit den großen Hauben. Die nationale Minderheit mit slawischen Wurzeln lebt seit ungefähr 1500 Jahren im heutigen Osten Deutschlands. Die Sorben haben eine eigene Sprache, Kultur und Identität. Im Siedlungsgebiet in der Lausitz gilt die Zweisprachigkeit.

Vor Festtagen wird die hochwertige Trachtenkleidung aus dem Schrank geholt. Dann wird gebügelt und zurechtgezupft. Eine Kunst für sich ist das Stecken der Haube. Stoffteile werden an einem Pappstück befestigt, das dem Kopfschmuck seine Festigkeit gibt. Dann wird das Ganze am Kopf festgesteckt. Für den Laien sehen die Hauben so gut wie gleich aus, aber es gibt Unterschiede. "Hauben erzählen Geschichten", sagt Lehnitzke, die hauptberuflich Raumausstatterin ist und seit 13 Jahren nebenher als Schneiderin arbeitet. "In jedem Dorf hat die Haube eine andere Form. Man erkennt daran also, wo eine Frau lebt."

Dem

Deutschen Trachtenverband zufolge ist deutschlandweit das Interesse an der Tracht gestiegen. Viele Menschen lassen sich alte Kleidung originalgetreu nachschneidern, wie Bundesgeschäftsführer Günter Putz sagt. "Die Tracht gibt eine gewisse Art von Identität." Mit dem Oktoberfest-Dirndl von der Stange oder Mode im Landhaus-Stil habe das alles aber nichts zu tun. Dabei werde Folklore nämlich nur nachempfunden, sagt Putz. Bei echter Tracht dagegen könne der Kenner zum Beispiel erkennen, ob der Träger verheiratet oder ledig, arm oder reich ist und wo seine Wurzeln sind.

In Brandenburg gibt es nach Angaben des Dachverbandes sorbischer Vereine, Domowina, vier Trachtenschneidereibetriebe für sorbische Mode. Alle im Raum Cottbus. "Wir sehen Engpässe", sagt

Domowina-Regionalsprecherin Karin Tschuck mit Blick auf die nächsten Jahre. Früher hätten viele Frauen noch selbst genäht und gestickt. Das nehme immer mehr ab. Dadurch steige die Nachfrage bei Schneidern.

Die reich verzierten Hauben sind zwar schön, aber nicht wirklich praktikabel, wie Lehnitzke schmunzelnd sagt. Sie haben einen großen Umfang und bedecken teilweise die Ohren. Karin Tschuck drückt es so aus: "Die Haube ist ein Schallschutz." Komplett sei eine Tracht aber eben nur mit ihr. Dass Hauben wieder verstärkt bei Schneidern bestellt werden, erklärt sich Tschuck damit, dass zu DDR-Zeiten die benötigten Materialien nicht immer zur Verfügung gestanden hätten und dadurch das Trachttragen ohne Haube gängiger geworden sei.

Lehnitzke, die selbst zehn Trachten in ihrem Kleiderschrank hat, fertigt pro Jahr zwischen 30 und 40 Hauben. Sie stickt dann Veilchen-, Lilien- oder Chrysanthemen-Motive darauf. Für eine ganze Tracht samt Haube müssen Kunden mit 1500 Euro rechnen. Auf Festtage in den Dörfern mit Umzügen freut sich die 38-Jährige, die sich selbst zum wendischen Volk bekennt, jedes Mal ganz besonders. "Es ist immer wieder schön, wenn die eigene Arbeit an einem vorbeiläuft", sagt sie.

dpa


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