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Wohnen im Eis: Übernachten im Iglu.

Wohnen im Eis: Übernachten im Iglu.© iglu-logde

Allgäu

Schlafen wie ein Eskimo

Sie wollen nicht Skilaufen, und Sie wollen es auch nicht lernen? Also haben Sie im Winter in den Alpen nichts zu suchen, denken Sie? Irrtum! Fahren Sie doch mal nach Fischen ins Allgäu.

Erster Tag: Winterwandern bei den Fischingern

Fischinger – so nennen sich die gut 3000 Einwohner unseres 760 Meter hoch gelegenen Feriendorfes. Hans Schmid ist einer von ihnen, seine Familie lebt seit Generationen hier. Schmid ist unser Wanderführer. Außerdem ist er Wünschelrutengänger, glaubt an Gott, aber nicht unbedingt an die Kirche (er nennt sie Firma), schreinert zu Hause und behandelt die Schmarren, die er sich dabei zuzieht, lieber mit selbst gemachten Kräutertinkturen als mit Salben aus der Apotheke. „Bei uns im Allgäu kann man viele Sonderlinge treffen“, sagt Schmid und lässt offen, ob er sich selbst für einen hält.

Als Schmid uns abholt, ist der Himmel über Fischen gritzegrau. Wir verzichten deshalb auf die lange Panoramatour über die bis zu 1700 Meter sogenannten Hörner. Weiter unten im Tal führt uns Schmid über tief verschneite Wiesen Richtung Obermaiselstein. Sanft geht es auf und ab, wir haben die Gegend fast für uns allein. In der Luft liegt Fichtenduft. Sie haben hier wieder Bäume geschlagen, wie seit Jahrhunderten schon. Holz war immer Wirtschaftsfaktor und bevorzugtes Baumaterial. „Deshalb wurden die Himmelbetten erfunden“, erzählt uns Schmid.

Wir gucken irritiert und bekommen die Erklärung: Weil Holz immer arbeitet, bildeten sich in den Hausdächern und den Zwischendecken Fugen, durch die Regen- oder Schmelzwasser tropfte. Der Himmel über dem Bett war also schlichter Wasserschutz statt romantischer Zierrat.

Mit derlei Heimatkunde, anekdotenreich serviert, unterhält uns Schmid, bis wir beim Weiler Tiefenberg im Gasthaus Hirsch einkehren. Die Leberknödelsuppe dort ist ein Gedicht, aber unser Wanderführer meint, wir müssten das der Wirtin nicht unbedingt kundtun: „Nichts gesagt ist Lob genug. So ist das hier“, meint er und führt uns dann am Fluss Iller zurück nach Fischen.

Zweiter Tag: Im Iglu auf dem Berg

Der Himmel ist heute stahlblau, die Luft kristallklar – ein guter Tag für unseren Ausflug auf das Nebelhorn. Wir fahren ins fünf Kilometer entfernte Oberstdorf und nehmen die Bergbahn. Von der knapp 2000 Meter hoch gelegenen Station Höfatsblick aus gehen wir zum Zeigersattel, der seinen Namen zu Recht trägt. Das tags zuvor vermisste Panorama entfaltet sich jetzt in voller Pracht. Weiter oben auf der Spitze des Nebelhorns kann man angeblich 400 Gipfel sehen. Hier sind es ein paar weniger, aber das ist uns egal.

Ohnehin hat uns etwas anderes aufs Nebelhorn geführt – die Iglus, in denen man hier neuerdings übernachten kann. Matthias Lenz, Geschäftsführer der Iglu-Lodge, begrüßt uns in der Iglu-Bar. „Hier drin sind null Grad, so wird es in den Schlaf-Iglus auch sein“, erzählt er. Wir gucken ein wenig skeptisch und wählen zum Käsefondue, das im Iglu-Restaurant gereicht wird, statt Wein vorsichtshalber warme Getränke.

Draußen ist die letzte Bahn gefahren, der Skifahrertrubel vorbei. Der Berg gehört uns. Über ihm liegt ein gigantischer Sternenhimmel. Minutenlang blicken wir nach oben, keiner sagt etwas. Die Stille und die Sterne wirken auf uns – allerdings bald auch die 14 Grad Frost, die das Thermometer anzeigt.

Trotzdem ziehen wir uns aus. Im Iglu-Dorf steht ein Whirlpool, knapp 40 Grad warmes Wasser heizt unsere Körper auf. „Hier gehe ich nie wieder raus“, sagt Karin aus Reutlingen – zumal das allgemeine Wohlgefühl noch durch ein Gläschen Prosecco gesteigert wird, das uns Lenz serviert. Aufgeheizt, wie wir sind, kriechen wir dann doch in unser Zwei-Personen-Iglu. Unser Bett ist eine mit Rentierfellen ausgelegte Fläche, die Schlafsäcke sehen warm aus. Die bereitgestellten Getränke rühren wir aber nicht mehr an. Keiner will nachts zum Toiletten-Iglu müssen. „Wie war’s?“, lautet die allgemeine Frage am nächsten Morgen, als alle wieder aus den Eishütten gekrochen sind. Antwort: „überraschend warm.“

Dritter Tag: Im dunklen Herzen des Allgäus

Etwa 30 Kilometer nördlich von Fischen liegt das „dunkle Herz des Allgäus“. Die Adelegg, die in einem Buch so genannt wird, ist ein fast vergessenes Stück Erde. Dass sie nicht ganz vergessen wurde, ist unter anderem dem Agraringenieur und Journalisten Rudi Holzberger zu verdanken. Der knorrige, tatkräftige Mann stammt aus Kreuzthal im Herzen der Adelegg, das schon in den siebziger Jahren als sterbendes Dorf Schlagzeilen machte. Holzberger will sich damit nicht abfinden. Jetzt trifft er uns am Fuß des 1000 Meter hohen Gohrersberges. Dort hat er einen Schlepplift gekauft, seitdem kommen wieder Skifahrer in die Adelegg. Wir aber stapfen mit Schneeschuhen bergan durch den Pulverschnee. Schneeschuhwandern ist eines der Themen, mit dem man hier touristisch punkten will.

Holzberger erzählt uns von den Glasmachern, die einst in diesem Tal lebten. Ein unter anderem von ihm konzipierter Rundweg führt den Wanderer zu deren Spuren.

Während hinter uns die Kirchturmspitze von Kreuzthal verschwindet, erzählt uns Holzberger von weiteren Projekten. Die aufgelassene Glasmachersiedlung Schmidsfelden ist wiederbelebt worden, 35 Familien leben dort. Zusammen mit Gesinnungsgenossen hat Holzberger eine uralte Rinderrasse wieder in der Adelegg angesiedelt. Sie heißt Hinterwälder – „auf keinen Fall -wäldler“, betont er. Die Tiere pflegen nun die Landschaft.

Dann sind wir oben auf dem Gohrersberg. Der Blick geht über ein mächtiges Waldbergland, eine wilde Landschaft, in der es oft länger Winter ist als anderswo und deshalb bis in den Mai hinein Schnee liegt. „Wenn du Vater und Mutter nicht gehorchst, dann kommst du ins Kreuzthal, hat es früher geheißen“, erzählt Holzberger, und seine Augen funkeln dabei. Für ihn wäre das keine Strafe gewesen. Dann bohren sich die Zacken der Schneeschuhe wieder in den Boden. Es geht weiter durch das dunkle Herz des Allgäus.

Vierter Tag: Schönheitskur mit Milch

„Gehen Sie hinterher bloß nicht in die Sauna“, hatte uns Masseurin Sabine Weihele empfohlen, bevor sie unsere Körper mit einer Joghurt-Zimt-Mischung eingerieben hat. Jetzt liegen wir in einem nach Bergkräutern duftenden, schwach beleuchteten Raum in unseren Schwebeliegen – einer Art moderner Wasserbetten – und spüren, wie uns immer wärmer wird.

Milchwell nennt sich die Prozedur, der wir uns im Hotel Tanneck in Fischen unterziehen. Besitzerin Patricia Fischer-Schwegler hat das sozusagen erfunden und dann markenrechtlich schützen lassen. „Dass Milch nicht nur zum Trinken gut ist, wussten schon die alten Ägypter“, sagt sie. Beste Milch – so etwas gibt es im Allgäu. Die Bergbauern aber haben Schwierigkeiten, für ihre Erzeugnisse vernünftige Preise zu erzielen. Also verband Fischer-Schwegler beides: Sie kreierte das spezielle Wellnessangebot rund um die Milch – „jede Anwendung hat die Familie ausprobiert“, sagt Fischer-Schwegler.

Die Milch kaufen die Fischers ausschließlich bei den Bergbauern. Außerdem spenden sie pro Anwendung fünf Euro an die örtlichen Dorfhelfer, die wiederum die Bergbauern unterstützen. In unseren Schwebeliegen können wir uns also dem guten Gefühl hingeben, etwas für die bayerische Bilderbuchlandschaft getan zu haben.

„Zimt fördert die Durchblutung“, erklärt uns Sabine Weihele. Das hätten wir auch so geahnt. Wir sehen aus, als hätten wir statt in Milch in Johannisbeersaft gelegen. Auf die Sauna verzichten wir wohlweislich. Dafür besuchen wir nachmittags das Fischinger Skimuseum, in dem man sehen kann, auf welcher Art von Latten sich die Menschheit durch die Jahrtausende bewegt hat. Ganz ohne Ski geht es eben doch nicht im Winter in den Alpen – und wenn man sie sich nur ansieht.

Bernd Haase

Anreise
Mit dem Auto über die Autobahn 7 über Ulm und Kempten bis zum Autobahnkreuz Allgäu. Die Bahn schickt einen Intercity aus dem Norden ins Allgäu bis Oberstdorf. Das Gebiet ist mit der Regionalbahn gut erschlossen.

Lage
In erreichbarer Nähe zu Fischen liegen unter anderem das Wintersportzentrum Oberstdorf, das nur von Deutschland aus zugängliche, aber zu Österreich gehörende Kleine Walsertal, die bayerischen Königsschlösser und das Ostufer des Bodensees.

Weitere Informationen
Gästeservice Fischen, Am Anger 15, 87538 Fischen im Allgäu,

Tel. (0 83 26) 3 64 60.
www.fischen.de


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